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> Deep Time (von Gunter Hamburger)
Überall ist inzwischen die Rede vom Wandel – wir müssen uns
wandeln, unsere Sozialsysteme müssen sich wandeln, unsere Politik, unser
Handeln, unser Denken... Es gibt eigentlich keinen Bereich unseres Lebens mehr,
in dem nicht von Wandel die Rede ist.
Rilke dichtete in seiner Sonnette an Orpheus:
'Wolle die Wandlung. O sei für die Flamme begeistert, drin sich ein Ding
dir entzieht, das mit Verwandlung prunkt; jener entwerfende Geist, welcher das
Irdische meistert, liebt in dem Schwung der Figur den sich wendenden Punkt...Jeder
glückliche Raum ist Kind oder Enkel von Trennung, den sie staunend durchgehn.
Und die verwandelte Daphne will, seit sie lorbeern fühlt, daß du
dich wandelst in Wind.'
Seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts referieren wir in unseren tiefenökologischen
Seminaren über die Große Wende oder den Großen Wandel, der
jetzt in dieser Zeit, in der wir leben, unmittelbar geschieht. Indes sehen wir
darin eine ganz andere Perspektive, d.h. wenn wir von Wandel reden, meinen wir
nicht Reduktion, meinen wir nicht ‚Gürtel enger schnallen’,
meinen wir nicht Globalisierung von Kapital und Dienstleistung’, meinen
wir nicht Verlagerung von Arbeitsplätzen in sogenannte Billiglohnländer’
und wir meinen vor allem nicht unser Denken und unser Fühlen einschränken
oder von anderen bestimmen zu lassen. Und wir alle spüren und fühlen,
was in unserer Welt geschieht und manchmal ist die Faust nicht mehr nur in der
Hosentasche geballt.
Wenn wir davon sprechen, dass der Wandel jetzt geschieht, definitiv jetzt, dann
heißt das im tiefenökologischen Sinne auch: „Es gibt keine
Garantie für ein Überleben in unserem Sinne!“
Wir können „versagen“, es kann passieren, dass alles Leben,
wie wir es kennen oder wie es uns vertraut ist, stirbt. Und Brian Swimme
und Thomas Berry, zwei führende Wissenschaftler bzw. Philosophen des
Denkens in Systemen und Kreisläufen sagen, dass wir zur Zeit in der 6.
Phase der Massenvernichtung von Arten leben, die unser Planet bisher erlebt
hat. In einer der früheren Phasen – vor rund 60 Millionen Jahren
starben fast alle großen Echsen aus, davor gab es eine Phase, in der 95
% allen bekannten Lebens vernichtet worden war und davor gab es eine Phase,
als die Bakterien auf unserem Planeten eine Sauerstoffwelt schufen, dass dies
für alles Leben davor, das pure Gift gewesen ist. Es kann uns heute erneut
ereilen – wir haben keine Garantie für unser Überleben oder
das zukünftiger Generationen. Und das ist neu in unserem Denken und Fühlen.
Unser Großmütter und Großväter und weitere Vorfahren haben
selbst in Zeiten größter Verzweiflung und Kriege immer noch den Glauben
haben können, dass nicht alles vernichtet wird, dass es eine Zeit danach
für uns Menschen geben wird... heute können wir diesen Glauben nicht
mehr unbedingt realistisch nennen.
Was heißt das für unser Leben in der Zeit? Was bedeutet das für
unseren Begriff von Zeit?
Der Große Wandel, den wir in der Tiefenökologie für notwendig
halten und der bereits begonnen hat, ist der einer Ökologischen Revolution,
ein Wandel grundsätzlicher Art – institutionell, kulturell, strukturell
– bezogen auf alle unsere Werte und Ideale. Dieser Wandel ist nicht im
Fernsehen zu sehen oder in den Zeitungen zu lesen. Aber er ist erlebbar –
„draußen“ – wenn wir sehen, wo der Wandel tatsächlich
stattfindet.
Und wenn wir nicht fatalistisch oder zynisch reagieren möchten, dann können
wir den Wandel begleiten, unterstützen oder vorbereiten bzw. die Menschen,
die dazu bereit sind, selbst wenn wir nicht wissen, worauf wir uns überhaupt
vorbereiten sollen.
Es ist als ob wir in die "Unterwelt" steigen müssten, in die Dunkelheit
uns begeben müssten und mutig losmarschieren. Und vielleicht haben wir
eine Hoffnung von einem Licht am Ende des Tunnels, vielleicht wünschen
wir uns ein solches Licht, aber wir wissen es nicht, wir haben keine Ahnung,
ob da überhaupt ein Licht ist.
Wenn wir uns also auf den Weg machen, dann gibt es mehrere Möglichkeiten
der Begleitung: Können wir das Ganze gelassen und geduldig begleiten und
den Prozess mit Heiterkeit fördern, weil wir wissen, dass der Wandel nötig
ist und uns freuen können, dass er geschieht? Können wir gewiss sein,
dass zukünftige Wesen rückblickend vielleicht sagen werden: „Oh
– obwohl sie keine Garantie hatten, haben sie trotzdem weitergemacht.
Sie müssen es auch für uns getan haben!“
Wenn ich vorher sagte, dass wir den Wandel erfahren können, wenn wir nach
„draußen“ gehen, dann meine ich damit die drei folgenden Ebenen:
Wir erleben den Wandel auf der politischen Ebene. Es gibt unzählige
von Gruppen, die sich politisch engagieren – für den Artenschutz,
für die letzten Urwälder, für den Erhalt unseres genetischen
Pools, all die Aktionen von attac und von greenpeace, von Earth First! oder
ganz nah – die vielen Aktionen hier rund um das Sozialforum – und
wir erleben, wie langsam eine Vernetzung entsteht, eine ganz andere Form von
Globalisierung wie sie die kapitalistischen und neoliberalen Großkonzerne
predigen, eine Globalisierung von unten, die uns deutlich macht:
Wir sind die Mehrheit! Und wir sind schon viel mehr, als mancher Banker ahnt.
Doch reichen all diese Aktionen alleine nicht aus – wir benötigen
mehr für die Wende, z.B. auf der Ebene unserer Strukturen und Institutionen:
Wir erkennen zunehmend, dass die alten Systeme und Organisationen keine adäquaten
Lösungen mehr bieten. Der Bürokratismus hat überall überhand
genommen, Institutionen und Rituale sind inhaltsleer, ohne Sinn und der Geist
ist längst ausgezogen. Der Neoliberalismus der Thatcher Politik, wonach
es darauf ankommt, einer Taube so viel Futter zu geben, dass auch den Spatzen
noch ein paar Krümel übrig bleiben, hat unsere Welt entsolidarisiert
und die Schere zwischen arm und reich weiter geöffnet, als vor 20 Jahren
es jemals vorstellbar gewesen wäre. Bereits heute haben 50 % aller Haushalte
in Deutschland nur noch max. 100 Euro monatlich zur freien Verfügung. 100
Euro für eine ganze Familie für Zeitungen, Kino, Frisör, Theater,
Restaurants, Familienfeste oder andere alltägliche Dinge.
Es gelingt uns zunehmend, dieses System von Wirtschaft und Welthandel, von WTO,
IWF und Weltbank im Verbund mit den Konzernen zu entmystifizieren und wir wissen,
sie sind nicht zukunftsbeständig.
Auf der anderen Seite gibt es inzwischen viele kleine Gemeinschaften und Kooperativen
und sie wachsen weiter und oft schnell wie kleine grüne Sprösslinge
im Frühling, die neue Wege von Gemeinschaft erproben, neue Wege der Heilung
suchen und neue Wege der Produktion. Wir alle kennen sie. Z.B. die überall
ins Leben gerufene Sozialforen sind ein solcher neuer Weg und es entsteht
eine neue Form von Solidarität außerhalb von Großinstitutionen,
außerhalb der üblichen Formen, die viel mit Selbstorganisation zu
tun haben, mit einer Enthierarchisierung und Antileitungsfunktionen. Die großen
Erfolge unsere Freundinnen und Freunde der Anti-Kapitalfront, wie sie Naomi
Klein in ihren Büchern beschreibt, sind u.a. darauf zurückzuführen,
dass die Organisationsformen gänzlich neu und für die herrschenden
Bürokraten nicht zu fassen sind.
Im Verbund von Veränderungen auf der institutionellen Ebene, von der wir
hier reden mit politischen Aktionen gibt es eine dritte wichtige Ebene, die
für den Wandel mitentscheidend ist –
die Ebene des Bewusstseinswandels, jene Ebene, die unseren vorgegebenen
„Code“, unsere Werte und Ideale von dem was richtig und falsch ist,
verändert.
Dabei geht es nicht nur um einen Paradigmenwechsel, einen geistigen
Prozess, der sich in unseren Köpfen abspielt, sondern vor allem auch in
unseren Herzen, in unserem Engagement, in unserem intuitiven Wissen, was alles
falsch läuft, in unserem Mit-Fühlen. Je mehr wir erkennen, dass wir
alle miteinander verbunden und alle Lebensprozesse voneinander abhängig
sind, desto mehr erfahren wir auch, woher dieses Mit-Fühlen kommt. Wenn
wir uns vergegenwärtigen, dass – wie John Seed es ausdrückt
– unsere alten Ur- und Regenwälder wie unsere größeren
grünen Lungen sind, die wir dringend benötigen, wenn wir weiterhin
atmen wollen, dann können wir auch den Schmerz spüren, wenn ein Teil
dieser Lungen zerstört, verbrannt oder zu Holzschnipseln zerhäckselt
wird. Das ist völlig normal. Nur in unserem Denken hat uns dies niemand
beigebracht. Uns hat man 2000 Jahre lang gelernt, die Dinge getrennt voneinander
zu betrachten und dies ist in unserem kulturellen Code tief verankert.
In vielen Kulturen, vor allem vielen Kulturen von Ureinwohner und auch in vielen
Philosophien finden wir eine symbolhafte Zeichensprache für diesen Wandel.
Im Buddhismus heißt es, dass der Geist seinen Sitz im Herzen hat. Und
bei christlichen Mystikerinnen wie Hildegard v. Bingen können wir nachlesen:
„Ich aber bin jener Lufthauch, der alles Grüne nährt und die
Blüten sprießen lässt mit ihren reifenden Früchten. Auch
bin ich jener Regen, der aus dem Tau herweht, durch den alle Kräuter mich
anlachen zu fröhlichem Leben.“
Die Ureinwohner der Torres Strait Inseln zwischen Neu Guinea und Australien
haben das Bild einer Kokospalme in ihrer Kultur, worin ihnen sich alle Beziehungen
im ganzen Universum offenbaren, die First Nations People im hohen Norden von
Kanada beginnen einen Satz, wenn sie gefragt werden, wo die Wurzeln für
ihre heutige Arbeit liegen, mit den Worten: „Nun, meine Wurzeln reichen
30.000 Jahre zurück...“.
Diese symbolhafte Sprache vermittelt uns nicht nur eine neues Verhältnis,
in der Zeit zu leben, sie vermittelt uns auch, wohin der begonnene Bewusstseinwandel
führt.
Alle drei Ebenen, jene der politischen Aktionen, der Entwicklung alternativer
Strukturen in Institutionen und Organisationen und unser Wandel im Bewusstsein
beeinflussen sich gegenseitig und sind wie in einem Kreislaufprozess eng miteinander
gekoppelt. Gemeinsam können sie unseren „Code“ verändern.
Und es gibt dabei kein „Oben“ oder „Unten“, keine Hierarchie,
was wichtiger und weniger wichtiger ist, keine Priorisierung im Sinne, zuerst
kommt das eine, dann das andere...
Nein – der Wandel geschieht auf allen 3 Ebenen gleichzeitig! Damit erübrigt
sich auch die alte Streitfrage, was denn nun wichtiger ist – die Arbeit
nach außen in Form von Aktionen und Teilnahme am Widerstand oder die Arbeit
nach innen, um mich dafür erst mal zu präparieren. Das ist langweilig,
weil beides geschieht, gleichzeitig und auch gleichwertig ist! Und es kann alle
von uns, die sich ihr „burn out – Syndrom“ holen, indem sie
von einer Aktion zur nächsten hetzen etwas beruhigen, denn der Wandel geschieht.
Mir hilft das Bild von einem Schwarm von Wildgänsen, wenn sie auf
ihrem langen Flug von Nord nach Süd im Herbst bzw. von Süd nach Nord
im Frühling bald den halben Erdball umfliegen. Habt ihr so einen Schwarm
von Zugvögeln mal beobachtet? Könnt ihr euch vorstellen, was mit einem
eventuell auserkorenen Leittier passieren würde, wenn es die ganze Strecke
an der Spitze flöge? Wie lange würde es wohl durchhalten? Nein, es
gibt da kein Leittier, sondern es gibt den Schwarm, der sich organisch selbst
organisiert und jede oder jeder darf mal ran und muss sich in den Wind stellen,
damit die anderen ausruhen können. Wir sollten dies beherzigen bei allem
was wir tun und darauf vertrauen, dass wir viele sind und immer mehr werden,
die es auch können!
Und manchmal machen sie unterwegs eine Pause – so wie wir jetzt vielleicht
auch!
An einigen Stellen habe ich den Begriff der „Zeit“ bewusst
herausgestellt und danach gefragt, was das alles mit unserem Zeitbegriff zu
tun hat.
Nun vielleicht einige Aspekte vorneweg:
· Der amerikanische Innenminister
unter Reagan hat in den 80er Jahren einmal gesagt, dass wir alle Ressourcen
ruhig verbrauchen können und es auch keine Rolle spielt, wie viel Abfall
wir bei der Produktion erzeugen, weil wir sowieso die letzte Generation der
Menschheit sind;
· Mit der Erfindung der Atombombe,
man könnte auch sagen, mit dem Öffnen der Pandorra-Büchse, hinterlassen
wir unseren nachfolgenden Generationen für mehrere Zehntausende von Jahren
ein hochgiftige Substanz, die alles Leben vernichten oder radikal verändern
kann; die First Nations People im Yukon im hohen Norden Kanadas können
vielleicht noch am ehesten erahnen, was das heißt. Frage: Kennen wir heute
noch alle die Waffenlager und Müllhalden auf denen die Nazis ihre Giftabfälle
gelagert haben? Das ist gerade mal 60 Jahre her;
· in der Musik hat man vor
einigen Jahrhunderten die Geschwindigkeit des Taktes verändert. Schlägt
das Pendel nach links aus ist dies ein Takt, schlägt es nach rechts aus,
ein zweiter Takt usw. Früher war der Takt genau doppelt so lang –
der Ausschlag des Pendels nach links, dann nach rechts – das war ein Takt.
Ich würde gerne einmal die Musik Beethovens im Originaltakt hören,
so wie er sie hörte, als er seine Symphonien komponiert hat;
· ein Freund von mir, der an
Kinderlähmung erkrankt war und inzwischen verstorben ist und aufgrund seiner
Behinderung für eine Strecke von 50 m vielleicht 10 Minuten brauchte, sagte
mir einmal, als ich ihn begleitete: „Gunter, das was ich in diesen 10
Minuten alles sehe und erlebe, das wirst du niemals erfahren.“
· manchmal sehen wir das Bild
eines Hamsters vor unserem geistigen Auge, der wie in einem Laufrad sich immer
schneller bewegen muss, um nicht umzufallen. Und anstatt einfach abzuspringen
er gezwungen ist, sich immer schneller zu bewegen, vielleicht so lange, bis
er tot umfällt.
All die Beispiele drücken Fatalismus aus, hinterlassen diffuse Bedrohungsängste
oder sind ein Beispiel für die Schnelllebigkeit unserer Zeit. Und wir alle
sind davon nicht verschont. Wir haben unser Gefühl für die Zeit völlig
verloren oder ich sage auch: Es ist total verwahrlost! Selbst hier gehen wir
schnell mal in ein Seminar oder ein Retreat, manchmal verlassen wir es bevor
es zu Ende ist, weil wir schnell noch woanders hin wollen, manchmal kommen wir
zu spät, weil wir vorher noch woanders etwas ganz Wichtiges hatten und
jedes Mal sind wir es schon gewohnt, das Ganze immer irgendwie zu rechtfertigen.
Das gelingt uns leicht. Es scheint normal geworden zu sein, dass wir uns wie
in einem Laufrad bewegen – auch wenn es rund läuft und wir im Grunde
dabei ja noch nicht einmal vorwärtskommen! Wie können wir aussteigen?
Nun, vergegenwärtigen wir uns zuerst das Bild unserer Kultur, wenn wir
über „Zeit“ nachdenken oder darüber reden. Automatisch
gehen wir dabei von einem linearen Zeitbegriff aus, es gibt ein „früher“
oder „vorher“ und ein „später“ oder „nachher“.
Einige von uns, die etwas gebildet sind, für die gibt es auch noch ein
„Hier und Jetzt“. Aber da beginnt schon unser Dilemma. Wieviel ist
„Hier und Jetzt“? Eine Sekunde, eine Minute, eine Stunde, ein Tag,
ein Ereignis lang? Wir könnten darüber lange philosophieren, aber
im Grunde müsste es ein relativer kurzer Moment sein, wenn wir in dem linearen
Modell konsequent bleiben.
Vergangen-
Gegen-
Zukunft
heit
wart
unwiederbringlich vorüber hier
und jetzt, wo wir entfernt
sich von
oder sogar verloren
„sind“ uns
als wären wir von beidem abgeschnitten.
Wir finden dann vielleicht auch so Begriffe wie „Zeitmanagement“,
„Time-Planer“ oder „Zeitfresser“ oder erfinden Strategien
zur „Zeitplanung“ um aus diesem Dilemma herauszukommen. Indes –
wir sind immer noch im Laufrad gefangen und wir können noch so viele Seminare
über Zeitmanagement besuchen, von denen es ja eine Unmenge gibt, es hilft
uns einfach nicht weiter. Was wir dort lernen ist vielleicht, wie wir unsere
Schritte besser miteinander koordinieren können, vielleicht wie wir auch
einmal hochspringen können und wieder sicher auf unseren Füßen
landen, wir können vielleicht auch lernen, wie wir organisiert noch schneller
laufen können – indes, wir sind immer noch Teil im Laufrad!
Wenige von uns, sind sich dabei bewusst, dass es mal anders war, dass es eine
Vergangenheit gab, die Zukunft hat dabei kaum noch jemand im Blick. Mit der
zunehmenden Zeithetze verschwindet jegliches Lebensgefühl und Bezogenheit
in der Zeit zu leben.
Tyron Cashman, ein Wissenschaftler der eng mit Gregory Bateson zusammengearbeitet
hat, sagte einmal in einem Seminar, dass das Verschwinden der Zukunftsbezogenheit
eine der größten Gefahren für das Überleben einer Spezies
ist. Vor kurzem sagte mir eine 25-jährige Teilnehmerin in einem Seminar,
wo ich über die verheerenden Auswirkungen der neuen Sozialgesetze referierte:
„Wofür soll ich eigentlich noch an die Zukunft denken oder gar Geld
zurücklegen. Einmal habe ich nicht so viel Geld, das ich zurücklegen
oder sparen könnten, zum andern weiß ich ja gar nicht, ob wir überhaupt
eine Zukunft haben werden. Weshalb soll ich also sparen für eine Zeit in
20, 30 oder 40 Jahren? Ich denke nur an die nächsten 5 Jahre, alles andere
interessiert mich nicht!“ Ich finde das alarmierend. Wenn die junge Generation
keine Zukunftsbezogenheit mehr hat, dann sind wir nicht mehr weit entfernt,
von dem, was der amerikanischen Innenminister gesagt hat.
Die Frage bzw. die Tatsache, dass wir den zukünftigen Wesen, wie immer
sie auch sein mögen, als „nukleares Erbe“ in Form von Plutonium
u.a. giftigen Stoffen einige Brocken hinterlassen, kann merkwürdigerweise
aber unsere Sichtweise von dieser linearen Denkstruktur verändern, v.a.
jene der Gegenwart.
Wir „sind“ eben nicht nur in jener kleinen Schachtel „gefangen“,
die wir als „unsere Zeit jetzt“ betrachten:
Die Schachtel schwankt immer mehr, der Zeithorizont darin wird immer kürzer
(seit neuestem werden keine Jahresberichte, sondern ¼-jährliche
Bilanzen verlangt – das ist noch gar nicht lange so).
Robert Lifton, ein amerikanischer Arzt, der u.a. die Psyche von KZ-Ärzten
erforscht hat in bezug auf ein fast schon schizophrenes gespaltenes Bewusstsein
– hier „braver Familienvater“ dort KZ-Schlächter –
sieht einen wichtigen Faktor oder eine wichtige Ursache dafür, dass wir
die Vergangenheit und die Zukunft verloren haben, bzw. wir haben dies als Verlust
in Kauf genommen, in der Schaffung der Atomwaffen.
Das psychische Element dabei ist: Wir verdrängen unser Denken an
die zukünftigen Wesen, weil wir uns angesichts dessen, was wir geschaffen
haben und was wir hinterlassen, schuldig fühlen und uns schämen! (Soweit
die Aussage eines Kinderarztes, als er sich der Haltbarkeit von Plutonium bewusst
wurde.)
Durch unsere Aktionen und unser Arbeit, die wir auch „Entschleunigungsarbeit“
nennen können, können wir einen heilsamen Schritt tun, wieder heimisch
zu werden in der Zeit, diesen fast schon „biologischen Bruch“ wie
Lifton es beschreibt, kitten, in dem wir eine neue Beziehung zu und in der Zeit
entwickeln.
Jeremy Rifkin, der Autor des Buches „Das Ende der Arbeit“
spricht davon, das wir im Gegensatz zu den bestehenden Machtrhythmen der kapitalistischen
Welt, so etwas wie „Einfühlungsrhythmen“ wieder entdecken
oder wieder entwickeln müssen. Damit meint Rifkin eine Art Wiederentdeckung
der organischen Rhythmen des Ökosystems Erde, die es zu verinnerlichen
gilt oder man könnte auch sagen, wir mit den Schwingungen und Vibrationen
des Universums wieder in Einklang kommen – „Einfühlungsrhythmen“.
Ein Denken in solchen Dimensionen ist nur dann möglich, wenn wir darin
eine spirituelle Haltung erkennen können.
Wir heilen damit auch uns selbst und können die Verbindung zu den zukünftigen
Wesen neu herstellen. Wenn wir diese spirituelle Haltung nicht akzeptieren oder
respektieren, ist es kaum möglich, eine andere Haltung zur Zeit sich bewusst
zu machen, obwohl es eine andere Sichtweise des Begriffes „Zeit“
gibt:
Denken Sie (Denkt) an das Beispiel aus der Musik von vorhin mit dem Takt
eines Metronoms. Oder noch mal H. v. Bingen: „...was immer die
Menschheit mit der Linken oder der Rechten tut, durchdringt das Universum...“.
Den zukünftigen Wesen ist es völlig egal, wer von uns bei greenpeace
oder attac oder sonst wo aktiv gewesen ist oder wer sich bei politischen Aktionen
gegen Atommülltransporte oder den Bau von Atomkraftwerken oder gegen den
Krieg engagiert hat. Sie wird mit Sicherheit nur eines interessieren und das
ist die Tatsache:
Wir sind jene Generation, die das „giftige Feuer“ erfunden und auf
unsere Welt gebracht hat und es irgendwo tief unten, wo es in ein paar Hundert
Jahren niemand wer weiß, versteckt hat, wo es dann vor sich hinlodert
und irgendwann durch irgendein Ereignis, seine schreckliche Energie entfalten
wird!
Nur das wird sie interessieren.
Und sie werden uns nur eines fragen:
„Was habt ihr damit gemacht? Habt ihr es wirklich so gut versteckt, so
dass wir es nicht finden können und deshalb davon krank werden?“
Erinnern wir uns an Rilke:
„Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich über die Dinge
ziehn. Ich werde den letzten vielleicht nie vollbringen, aber versuchen will
ich ihn.
Ich kreise um Gott, um den uralten Turm und ich kreise jahrtausendelang
und ich weiß nicht, bin ich ein Falke, ein Sturm oder ein unendlicher
Gesang.“
Und selbst in der Bibel ist bei Paulus zu lesen: „...eine Wolke von Zeugen...“.
Die Wesen der Vergangenheit und der Zukunft – sie alle sind um uns herum!
Wenn wir uns den evolutionären Prozess von der Entstehung des Lebens vergegenwärtigen,
erkennen wir, dass sie wirklich da sind – wir haben sie aus unserem Bewusstsein
verscheucht, ihnen keinen Raum mehr gelassen, aber sie sind da: In unseren Knochen
und Atomen – seit Jahrtausenden darin lebend – schauen wir uns die
fragile Form von Korallen an, dann können wir eine Struktur erkennen, die
denen unsere Gehirne sehr ähnlich ist, die Atome und Sauerstoffmoleküle,
die unsere Vorfahren vor Tausenden von Jahren ein- und ausatmeten – es
sind diesselben, die wir in diesem Atemrhythmus atmen und unsere Nachfahren
ebenso. Unsere zukünftigen Wesen – sie sind angelegt in unserer DNA
....
Wenn wir verzweifelt sind, kann uns das folgende Bild helfen:
Stellen wir uns vor, dass die zukünftigen Wesen über unsere Schultern
schauen und uns heimlich ins Ohr flüstern: „Du bist es doch, der
jetzt lebendig ist – wir selber können noch nichts tun, wir leben
doch noch gar nicht, aber schließlich geht es um uns! Also bist du es,
der jetzt handeln muss und wir werden dich dabei anfeuern – wir werden
mit dir sein!“
Einige der First Nations People in Nordamerika sagten häufig, bevor sie
ihren Stamm für einige Tage für die Jagd verließen: „Heute
ist ein guter Tag zum Sterben“ und dabei nahmen sie die Vorfahren auf
ihrer linken Schulter mit und ihre Nachfahren auf der rechten.
Die Herausforderung heute besteht darin, uns von den Bildern, den Werten
und Idealen eines patriarchalisch-hierarchisch strukturiertem Denken, das selbst
in unser spirituelles Denken Einzug gehalten hat, zu befreien. Wir müssen
uns quasi Dekonditionieren von der Angst vor Materie, Dunkelheit und dem Wandel
der Natur.
Und den Hass der daraus erwächst ablegen!Wir sind konditioniert aus dieser
Angst heraus auf:
Vergleichen, verurteilen, beurteilen, gegeneinander kämpfen.
Wenn wir uns davon befreien wollen, dann gilt es endlich damit anzufangen:
· die Dinge so zu lieben wie
sie sind
· das Staunen neu zu entdecken
· Überraschungen willkommen
zu heißen
· Freundschaften zu schließen
· Freundschaft auch mit Dingen
wie Tod als normaler Prozess, Endlichkeit, Materie...
· dem Neuen nicht-wissend zu
begegnen
Einige der neuen Wert könnten sich in Begriffen ausdrücken wie
Gnade – Synergie - Dankbarkeit