1. Advent 2008
„Lebe dein Leben so, dass man eine gute Geschichte darüber erzählen
kann – dann hat sich dein Leben gelohnt.“ (Angela Sydney)
Dieses Zitat liebe Leserin, lieber Leser, haben wir aus unserem Sabbatjahr mitgebracht.
Es war der Leitspruch für eine unserer Interviewpartnerin der Northern
Tutchone, einer Stammesgesellschaft aus dem Norden des Yukon. Wir (Barbara und
Gunter) befinden uns im Jahre 2008 in unserem „West-Schild“ (oder
auch Herbst-Schild) unseres Lebens, an der Schwelle zum nächsten Lebensübergang.
Wir alle können aus der Fülle des Herbstes schöpfen, in dem wir
Früchte und Samen verschenken, in dem wir beide einen Teil unserer beruflichen
Verantwortung abgeben, um uns bereit zu machen für neue Herausforderungen,
neue Verantwortlichkeiten, die es zu übernehmen gilt. Barbara hat ihre
Arbeit im Hospizverein beendet und arbeitet weiter als Trauertherapeutin. Gunter
wird im nächsten Jahr seine Arbeit im Diakonischen Werk beenden. So war
es auch für unsere Lebensentwürfe passend, dass unser diesjähriges
Seminar mit ehrenamtlichen HospizbegleiterInnen im November den Titel trug „Die
Kunst zu altern“. Wie erleben wir diesen Prozess, welche Bedeutung hat
er für uns, welche Abschiede und welche Chancen, welche Perspektiven bietet
er? Was für Handlungskonsequenzen ergeben sich für uns daraus? Zweieinhalb
Tage ließen wir uns von diesen Fragen mit rund 20 Ehrenamtlichen leiten
und wir arbeiteten daran, was es heißt, eine Älteste oder ein Ältester
in unserer Zeit zu sein. Ein Inuit aus dem hohen Norden drückte es einmal
so aus: „Der Sinn des Alt-Werdens ist die Entwicklung hin zum Ältesten,
dessen Aufgabe zunächst darin besteht, einfach Da zu sein, Zeit zu haben,
zuzuhören, um auf der anderen Seite gewürdigt und geliebt zu werden.“
Zum Ältesten zu werden ist ein Prozess – eine Entfaltung aller geistigen
und seelischen Kräfte. Dieser Prozess ist unabhängig vom Alter, das
heißt, nicht an ein bestimmtes Lebensalter gebunden. In dem Buch von Geseko
von Lüpke, unserem Freund in der Tiefenökologie, „Altes Wissen
für eine neue Zeit“ heißt es, dass manche als Älteste
berufen werden, manche werden initiiert, aber immer geht es darum, dass jemand
da ist, der deine Qualitäten wahrnimmt und würdigt – dich also
für „geeignet“ hält. In den Stammeskulturen saßen
die Ältesten im Kreis um das Feuer um sich zu beraten – der Kreis
ist der Prozess des Lebens, alles entwickelt sich in Kreisläufen, nichts
verläuft linear. Im Kreis sind alle gleichwertig, man hört sich mit
Respekt und Achtung zu, es gibt keine „Macht über…“
sondern „Kraft miteinander…“. Noch heute finden wir den Rat
der Ältesten in vielen Organisationen und Institutionen.
Einen solchen Kreis bildeten wir auch zusammen mit unserer langjährigen
Freundin und Kollegin aus den USA, Ph.D. Joanna Macy bei einem Seminar im Juni
2008 in Geseke bei Bielefeld mit rund 200 Teilnehmenden. In ihrer Arbeit „The
Work That Reconnects“, geht es um diesen Prozess des Lebens in Kreisläufen
– es geht um Dankbarkeit dafür, dass wir ein Teil des Lebens sind.
Wir haben dafür nichts getan, andere waren es, die uns in der ersten Zeit
unseres Erdendaseins versorgt und gepflegt haben. Es ist wichtig uns dies bewusst
zu machen, dass wir willkommen sind auf der Erde, wenn wir uns mit unseren Gefühlen
auseinandersetzen, angesichts dessen, was auf unserer Welt geschieht, mit unseren
Gefühlen von Wut und Schmerz, von Trauer und Angst. Dies ist ein subversiver
Prozess, denn den Systemen in denen wir leben, ist es viel lieber, wenn wir
diese Gefühle als Teil einer persönlichen Krankheit von uns selbst
betrachten. Beispiele für das, was in unserer Zeit geschieht, gibt es viele
– angefangen vom Klimawandel und den schmelzenden Polkappen über
die Freisetzung von Methan im Permafrost und die Ausrottung von Menschenaffen
bis hin zu jenen Menschen, die in Kriegen verwundet, vergewaltigt und gehetzt
aus ihrer Heimat fliehen müssen, bis hin zu jenen, die die beginnende Finanz-
und Wirtschaftskrise als Erste trifft – jene Menschen, die mit ihrem Einkommen
an der Armutsgrenze oder darunter leben müssen. Wenn wir uns bewusst machen,
was wir empfinden und unseren „Schmerz um die Welt“ miteinander
teilen, dann erleben wir, dass dies keine persönliche Angelegenheit von
uns allein ist, sondern dass wir alle ähnliches fühlen. So können
wir uns miteinander verbinden und uns als lebendigen Teil einer lebendigen Erde
wahrnehmen – als Teil eines Kreislaufes, in dem es nicht verrückt,
sondern natürlich ist, das zu spüren, was alle wahrnehmen, was alle
Lebewesen betrifft. Wir sind nicht die isolierten und abgeschotteten Individuen,
wie die Mächtigen unserer Welt uns weismachen wollen, wir sind nicht die
„Ich-AG“, deren Lebensglück davon abhängig ist, was sie
alleine schafft bzw. nicht schafft, wir sind Teil – in unserer Zivilisation
– der industriellen Wachstumsgesellschaft mit ihrer Ideologie, dass jeder
seines eigenen Glückes Schmied ist. Und wir wissen, dass diese Gesellschaft
mit ihrem Katastrophen-Kapitalismus – wie ihn Naomi Klein in ihrem Buch
„Die Schocktherapie“ beschreibt nicht nachhaltig, nicht zukunftsbeständig
ist. Die Menschen in den alten Kulturen wussten es und die Systemtheorie oder
auch die Chaostheorie beweisen es heutzutage, dass alles voneinander abhängig
und miteinander verbunden ist. Wenn wir daran anknüpfen wollen, dann heißt
das, sich einzumischen, an den Prozessen teilzuhaben, die eine nachhaltige Lebensweise
fördern und Netzwerke zu bilden, die tragfähig sind, solche Prozesse
zu stabilisieren und voranzubringen. Diese Arbeit mit anderen, gemeinsam etwas
zu schaffen, was dem Leben dient, als „Älteste“ zu wirken,
lässt uns Staunen und ehrfürchtig werden vor der Liebe und Schönheit
dessen, was es für unsere zukünftigen Generationen zu bewahren gilt,
lässt uns dankbar werden – der Kreislauf beginnt von Neuem…
In diesem Sinne eine besinnliche Adventszeit und einen ruhigen, heiteren oder
auch frischen Übergang in das nächste Jahr.
Gunter Hamburger
Und wer noch ein Weihnachtsgeschenk benötigt:
- Eine Weltreise auf der Suche nach Samen für die Zukunft -
Endlich ist es soweit! Das Buch unseres Sabbatjahres ist fertig und ist
ab sofort lieferbar - auch über www.amazon.de.
Es trägt den Titel: "Ein Stern sei mein Wagenlenker - Eine Weltreise auf
der Suche nach Samen für die Zukunft" (s. unten). Es ist über den
normalen Buchhandel erhältlich, über Amazon oder auch direkt von uns.
Die ISBN-Nummer lautet: 978-3-86582-639-8.
Wir freuen uns über Kommentare, Rückmeldungen und sind gerne bereit,
das Buch einem weiteren Kreis von Interessierten auch persönlich vorzustellen
- durch Lesungen, Dia-Vorträge...
Unsere
Weltreise auf der Suche nach Samen für die Zukunft führte uns nach
Australien, die Fiji-Inseln, Hawaii, den Yukon im Norden Kanadas - im Winter
als auch im Sommer, Kalifornien, andere Staaten im Westen der USA und British
Columbia. Wir waren elf Monate unterwegs. Unsere Reise begann am 27. September
2001, 16 Tage nach dem Anschlag auf das World Trade Center in New York. In den
15 Interviews und zusätzlichen Gesprächen, die wir in den verschiedenen
Ländern mit engagierten Menschen aus dem sozial-ökologisch-politischen
Spektrum und mehreren UreinwohnerInnen der jeweiligen Regionen führten,
spiegelt dieses Ereignis sich wieder und ist ein Zeitdokument in einer
Phase, in der die Welt sich im Wandel befindet. Bei unserer Frage an sie, wie
dieses Ereignis unser Leben und das Leben zukünftiger Generationen beeinflussen
wird, sind wir auf ermutigende Gedanken gestoßen, die sich in sehr persönlichen
und berührenden Worten ausdrücken. So ist dieses Buch mehr als die
Beschreibung einer Weltreise; es ist vor allem ein zutiefst persönliches
und politisches Dokument unserer Zeit. Wir laden die Leserinnen und Leser ein,
sich mit uns auf eine innere und äußere Reise um die Welt zu begeben.
November 2007
It is clear we are in the eye of the storm - War, climate change, peak
oil and extremes of wealth and world poverty are all accelerating. We
are being challenged to come to the Great Turning - to build a
peaceful, socially just, life sustaining and democratic world - and
with a joyous urgency become the kinds of people we are meant to be.
To illustrate one just approach to these problems please read Thic
Nhat Hahn's latest article at
http://www.orderofinterbeing.org/docs/TNH_Letter_October_2007.pdf
Diesen Text sandte uns gestern unser Freund John Croft aus Australien. Man
könnte die Aufzählung von ihm unendlich fortsetzen, zB dass in 20
Jahren rund 1,8 Mrd. Menschen, d.h. rund 1/3 der Weltbevölkerung keinen
Zugang mehr zu frischem Trinkwasser haben werden... der Herbst auf der Schwäbischen
Alb, wo wir wohnen, zeigt sich in all seiner bunten Farbenpracht, die Staren
haben sich die letzten Trauben auf unserer Terrasse geholt, der Garten ist fast
winterfest und es sind nur noch wenige Reste des Feuerholzes für den übernächsten
Winter zu spalten. In unseren Berufen geht es wie immer um diese Jahreszeit
hektisch zu. Barbara beendet Ende des Jahres ihre Tätigkeit als Einsatzleiterin
im Hospizverein und wird dann "nur" noch als freischaffende Therapeutin, Seminarleiterin
und Supervisorin arbeiten. Meine Gedanken schweifen zurück in den
Sommer 2007...

Es ist der 21. Juli 2007, der 60. Geburtstag von Barbara - wir (Barbara, ich
und unsere beiden Söhne Florian und Christian) sitzen im Flieger mit Ziel:
Whitehorse im hohen Norden des Yukon, Canada. Dort erwartet uns unsere Cousine
Ingrid. Wir planen eine Kanutour zu viert auf dem - in Deutschland relativ unbekannten
- Pelly River, einem Nebenfluss des Yukon River. Es hat zuvor viele Tage
geregnet, die Gletscher im Yukon schmelzen rasant und die Flüsse sind zum
Teil reißend. Wir haben Zweifel, ob unsere Kanutour da möglich ist,
aber Ingrid beruhigt uns und meint: "Der Pelly wird nicht von Gletschern gespeist,
dort müsste es gehen." Unsere Kanuvermieter bringen uns nach Faro, einer
ehemaligen Bergarbeitersiedlung und jetzigem First Nations Dorf nordwestlich
von Whitehorse. Die Fahrt dauert ca. 5 Autostunden. An der Brücke über
den Fluss lassen sie uns raus mit unseren beiden Kanus und all unserem Gepäck.

Vereinbart ist, dass sie uns in Pelly Crossing, ca. 325 km weiter in nordwestlicher
Richtung, an der nächsten Brücke, in 8 Tagen wieder abholen - und
weg sind sie. Zwischen den beiden Brücken ist nichts als menschenleere
Wildnis, kein Ort, keine Ansiedlung, kein Laden zum Einkaufen - nur Wälder,
Tiere, Pflanzen und der Fluss. Einmal in der Strömung - das Gepäck
ist in den Kanus gut festgezurrt - gibt es kein zurück. Jetzt ist es zu
spät umzukehren, die Strömung ist viel zu stark und zu Fuß gibt
es so gut wie keine Möglichkeit, da es dort keine Waldpfade gibt. Der Fluß
nimmt uns unweigerlich mit, wir verschmelzen mit ihm und der ihn umgebenden
Natur, tauchen ein in eine "andere Welt" und weg sind wir...
Wir bilden ein gut eingespieltes Team - 3 Männer und 1 Frau. Auch die
schwierigen Passagen im Fluss meistern wir ausgezeichnet, auch wenn wir davor
etwas Bammel hatten. Aber einmal mittendrin in den Stromschnellen der Little
und der Big Fishhook Rapids können wir den Ritt genießen. Wir verstehen
uns fast ohne Worte, jeder kennt seine Rolle, weiß was zu tun ist und
übernimmt Verantwortung. Es ist als wären wir ein sich selbst organisierendes
System, das weiß, wie es nicht nur überlebt, sondern auch die gemeinsame
Zeit miteinander genießen kann. Aber der Reihe nach:
1.
Tag:
Die Strömung ist okay, aber teilweise starker Gegenwind aus NW, dafür
sonnig und wolkig.
Erster Campingplatz auf einer offenen Sandbank gegen 18 h nach ca. 20 –
25 km, unterhalb der Rose Mountains.
Es herrscht mittleres Hochwasser und es gibt viele Logs, d.h. viel Holz, in
der Regel ganze Bäume, die im Fluss liegen oder mittreiben. Vorsichtiges
Fahren, v.a. in Ufernähe, ist angesagt. Die Bootsteams: Barbara und ich,
Florian und Christian. Abendessen: Scharf gewürztes Chili und „altes“
Brot von „Extra Food“ aus Whitehorse.
Das Paddeln war ziemlich anstrengend heute. Jetzt am Abend gegen 20.30 h fängt
es leicht zu regnen an. Die Zelte stehen, alles Gepäck ist unter den Booten
verstaut und es herrscht eine unglaubliche Stille, die gut tut und verzaubert.
2. Tag:
Ca. 50 – 55 km herrlicher Kanufahrt, blauer Himmel, kaum Wind, Wasser
ruhig, nicht zu hoch, viel Bäume im Wasser, d.h. gutes Steuern und
aufpassen nötig.
Abfahrt ca. 10 h, Ankunft ca. 16 h (bei 1 Std. Pause).
Zweites Camp kurz vor „Little Fishhook Rapids“, eine Affenhitze
wie in der Wüste und ich habe fast einen Sonnenstich trotz meines australischen
Hutes. Das Tarp als Schutz vor der Sonne aufgebaut.
Essen: Steaks, Nudeln m. Tomatensauce, Gurken-Tomaten-Paprikasalat, Bier, Wein,
Saft...
Christians
Luftmatratze taugt nichts, ständig geht die Luft raus. Mit Ducktape
gepflastert – hat nichts geholfen.
Die Sonne verschwindet „endlich“ gegen 21.30 h hinter dem Hügel
am gegenüberliegenden Ufer. Unser Camp ist auf einer kleinen Insel mit
fast keinen Moskitos. Vermutlich ist es selbst denen zu heiß! Im Sand
entdecken wir Spuren von Moose mit Kind sowie Wolf und erinnern uns an den Weißkopfadler,
der uns heute majestätisch vom Wipfel einer großen Fichte gegrüßt
hat. Die Hitze sorgt für nur geringen Hunger bei mir, während es den
anderen umso besser schmeckt. Heute sind wir am Abend ziemlich „geschafft“.
3. Tag:
Von Camp 2 bei KM 283 bis Camp 3 bei KM 232 – ganz schön viele Kilometer
für uns, die wir es nicht gewohnt sind, so lange in einem Boot zu sitzen
– auf einem Holz- bzw. Plastikschalensitz, aufrecht ohne Lehne. Unterwegs
durch die Fishhook Rapids, in denen wir mit dem Boot über einen
Felsen geratscht sind – gottseidank ist nichts passiert, außer das
unser Boot mitten in den Rapids danach eine Weile heftig gewackelt hat, wir
aber dadurch, dass wir aufrecht und ruhig sitzen geblieben sind ohne die Schaukelbewegungen
mitzumachen, es schnell wieder im Griff hatten. Auch Flo + Chri „erwischen“
einen Stein. Als es ruhiger wird, entdecke ich plötzlich, dass ich in all
der Aufregung über die bevorstehenden gefährlichen Stellen im Fluss
bei Beginn unserer heutigen Flussfahrt vergessen habe, meine Schwimmweste anzuziehen
– sie liegt direkt vor mir im Boot. Schnell ziehe ich sie über und
schon wird das Wasser wieder unruhig. Bei den „Big Fishhook Rapids“
gibt es stehende Wellen, starke Strömung und wir fahren mitten hindurch.
Felsen sind alle unter Wasser – hier ist das mittlere Hochwasser gut,
dafür ist die Strömung schnell und die Wellen hoch – was für
ein Genuss! Bei der Durchfahrt durch die Rapids sehen wir mehrere große
Felsen knapp unter der Wasseroberfläche, aber wir können inzwischen
den Fluss gut lesen und so rechtzeitig ausweichen. „Chopping water“
= stehende Wellen und eine schnelle Strömung erfordern unsere ganze Aufmerksamkeit,
aber es ist fun!
Wir
wechseln die Teams, weil Flo + Chri zu schnell für uns "Älteste" sind:
Ba fährt mit Christian, der hinten sitzt und damit am meisten
steuern muss, weiter; ich mit Florian. Da Christian der Stärkste ist,
sind sie fast so schnell wie wir.
Unser Camp 3 – wie 2002 – ist eine Insel – aber diesmal fliegt
uns hoffentlich kein Kanu durch die Luft wie damals – wir haben sie angebunden.
Die Zelte stehen schon wieder auf Sand, erneut ein Bad im kalten Wasser des
Pelly und es ist bedeckt. Langsam zieht es zu – mal sehen.
Essen: Würste überm offenen Feuer, Salat von Paprika, Zucchini, Tomaten,
Zwiebeln, Knoblauch und Restnudeln von gestern mit Tomatensauce.
Wir sind ca. 11 – 17 h gefahren. Um 21 h fängt es an zu regnen –
wir gehen in die Zelte.
4. Tag:
In der Nacht ein merkwürdiger Pfeifton eines Vogels, dann ein Flattern
ums Zelt. Es hört sich an, als würde der Vogel einen „Angriff“
fliegen, dann aber rechtzeitig abdrehen, vielleicht verjagt er auch ein anderes
Tier – wer weiß? Wir schauen nicht nach und wissen deshalb nicht,
was es ist. Es regnet ganz leicht, hört sich im Zelt immer heftiger an
als es ist, es ist auszuhalten – die Zelte sind dicht.
Wir stehen etwa gegen 7.30 h auf, der Regen hat aufgehört, Frühstück,
Boote packen und alles wieder festbinden – gegen 10 h fahren wir wieder
los, Chri wieder mit Barbara – das bleibt jetzt so.
Wir
paddeln fast auf gleicher Höhe nebeneinander. Etwas „choppy
water“ unterwegs, aber eine geruhsame Fahrt. Nach 2 Std. Lunch auf einer
kahlen Sandinsel. Am Nachmittag halten wir links an der Einmündung des
Tummel River und entdecken eine ganz frische, ziemlich große Bärenspur
im weichen Uferschlamm – kein guter Platz für uns, auch zu klein
für zwei Zelte. Wir fahren etwas weiter und halten gegen 16 h auf einer
lichten Böschung, die bei Hochwasser wohl eine Insel bildet. Dort finden
wir wieder offenes Gelände und sandigen Untergrund. Es gibt viele Spuren
von Moose und ab und zu knackt es auch gewaltig im nahen Untergehölz des
Waldes. Dort ist irgendein Tier und beobachtet Ich bade im Pelly - kein
Glück beim Angeln danach.
So gibt es Bratkartoffeln von rohen Kartoffeln mit gebratener Salami und Ei
– lecker! Dazu ein „Yukon Gold“ – Bier und Rotwein.
Am Abend sitzen wir gemütlich ums Feuer und erzählen uns Geschichten
aus unserem Leben. Bereits um 20.30 h sind wir im Zelt – jeden Tag wird
es früher.
Die Stille ist einfach wohltuend, ein paar Moskitos stören uns kaum, die
Landschaft verzaubert und macht gesund.
Heute nur rund 38 km gefahren, aber wir sind sehr gut in der Zeit und haben
keine Eile. Flo + Chri beweisen ihre genialen „Wildnisfähigkeiten“,
indem sie das Tarp auf der einen Seite an einem am Boden liegenden Baumstamm
festbinden und auf der anderen Seite mit Paddeln und Seilen so fixieren, dass
wir gut darunter sitzen können. Ein richtig toller Unterstand, der uns
vor dem Regen schützt, der am Spätnachmittag kommt, aber schon bald
wieder aufhört. Danach wechseln sich Wolken und blauer Himmel ab und die
Luft ist herrlich klar und frisch.
5. Tag:
In der Nacht Regen – hört sich im Zelt schlimmer an, als es ist.
Nachdem wir am Vortag so früh zu Bett sind, sind wir entsprechend früh
wach, bleiben aber noch liegen, bis der Regen gegen 7.30 h aufhört. In
der Nacht müssen wir Besuch von einem Moose gehabt haben, die Spuren vor
dem Zelt deuten darauf hin.
Gegen 10.30 h fahren wir weiter, heute mit einem Gewirr von Inseln, Sandbänken,
Bäumen im Wasser, d.h. wir müssen den Strom gut „lesen“
können um die ideale Fahrrinne zu finden – gelingt uns meistens prima.
Wir lassen – gestern schon – die hohen Berge hinter uns, die Tintina
Trench weitet sich, der Fluss geht ruhig und mit guter Strömung –
kein Problem. Bei KM 148 machen wir Halt. Sind heute fast 50 km gefahren ohne
große Anstrengung – wir sind inzwischen gut trainiert. Wir haben
noch knapp 100 km vor uns – an 2 ½ Tagen. Unsere Paarbildung bewährt
sich. Wir finden gegen 16 h ein schönes Camp auf einer Art Insel rechts
im Fluss. Wir entdecken Spuren von Wolf und Moose und von Menschen – gesägtes
Holz liegt versteckt hinter Baumstämmen. Unterwegs grüßten
uns heute 2 Weißkopfadler von den Wipfeln der Bäume, wohl
nach Fischen Ausschau haltend und etliche wilde Enten. Die Tintina
Trench ist Zugvogelgebiet und der Fischreichtum soll groß sein, aber anscheinend
sind die Lachse noch nicht zurück – es ist noch zu früh –
wie im ganzen Yukon übrigens. Das Ausbleiben der Lachse, die eigentlich
schon hier sein müssten, ist für die Menschen des Yukon beunruhigend
- sind sie doch eine Hauptnahrungsquelle für die Ureinwohner, damit diese
unabhängiger von sozialen Leistungen leben können.
Im
Camp angekommen droht ein Gewitter, Donner am fernen Horizont, also bauen wir
zuerst die Zelte schnell auf und wieder das Tarp für unsere „Küche“
– einfach genial. Dann folgt ein Bad im Pelly – herrlich! Das Gewitter
zieht nordwestlich vorüber und wir bekommen nur wenigeTropfen ab. Danach
strahlend blauer Himmerl und herrlicher Sonnenschein, kaum Wind, dafür
unzählige Moskitos.
Essen: Gemüsestirfry mit Reis, Sardinen aus der Dose und Apfelmus zum Dessert.
Um 19 h denken wir an Doreen, Florians Freundin, die heute nach Kanada nachkommt.
Sie müsste jetzt in Whitehorse gelandet sein. Der Abend ist wunderschön,
ruhig, nur unterbrochen ab und zu von einem Vogellaut. Chri versucht sich mit
der Angel, aber es will kein Fisch zu uns. Gut, dass wir unser Essen mit haben.
Wir studieren wie jeden Abend die Flusskarte für den nächsten Tag
– die Erholung hat längst begonnen und wir vier sind einfach glücklich
miteinander. Ich empfinde große Dankbarkeit für dieses gemeinsame
Erleben. Und – was für eine wilde und menschenleere Landschaft! Bis
heute sind wir – bis auf die Spuren im Sand – keiner Menschenseele
begegnet. Wenn man am Ufer sitzt, sieht die Strömung ziemlich schnell aus,
mittendrin im Wasser kommt es uns viel langsamer vor, aber wir fahren ohne Anstrengung
mit leichtem Paddeln, lassen uns treiben, singen, essen Snacks, trinken Wasser
und genießen das herrlich warme Wetter. Unser Tempo: Ca. 10 km in der
Std.
Es ist jetzt 21 h, die Sonne steht noch hoch am Nordwesthimmel, die andern sind
schon im Bett und ich beobachte den Lauf der Sonne und schreibe – unsere
Stimmung ist bestens und wird von Tag zu Tag ruhiger, besser und wie in einem
„Superteam“ sind wir miteinander in einem unvergleichlich schönen
„Flow“.
6. Tag:
Heute Nacht hatten wir wieder Besuch in unserem Camp: Ba, Flo und auch
Chri hörten von draußen ein Schnaufen wie von einer Kuh, nicht weit
von den Zelten entfernt. Als wir aufstanden, fragte uns Flo: „Habt ihr
auch das Schnaufen gehört?“ Barbara bejaht, ich sage: „Ich
habe nichts gehört.“ Sie dachten, es wäre ein Moose, da sie
am Morgen frische Spuren vor und seitlich vom Zelt entdecken und das Plätschern
von Wasser gehört haben. Ich nehme unser kleines „Schäufele“,
Klopapier und Streichhölzer und gehe um die Zelte herum mit Ziel, mein
„Geschäft“ im nahen Gebüsch zu verrichten. Da entdecke
ich ungefähr 2 bis 3 Meter hinter den Zelten die frische Spur eines Schwarzbären,
der – wohl neugierig geworden über die Besucher – begutachtet
hat, wer da jetzt wohl wohnt. Gottseidank ist er nicht näher gekommen,
aber es gab in unseren Zelten eigentlich auch nichts Ess- oder Trinkbares was
ihn hätte anlocken können! Aber schauen musste er schon. Ich erzähle
den anderen, dass das Schnaufen vermutlich ein Bär war und kein Moose.
Alle kommen und betrachten ehrfürchtig die Spur. Also – es muss heute
nacht ganz schön was losgewesen sein um uns herum!
Wir sind relativ spät aufgestanden – nach 8 h – frühstücken,
richten die Boote und los geht es bei bewölktem Himmel, immer wieder unterbrochen
vom strahlenden Blau des Himmels mit entsprechend starker Sonne. Chri fährt
ohne T-Shirt, nur mit der Schwimmweste am Oberkörper. Er erzählt uns
von seinen Träumen der letzten 3 Nächte und seinen Gefühlen dazu.
Es ist, als ob er dabei eine innere Reinigung erleben würde. Heute
paddeln wir wenig, lassen uns einfach viel treiben, essen Snacks („Riegel“)
und Trockenfrüchte und genießen die gemütliche Fahrt ohne Anstrengung.
Ab und zu gibt es Gegenwind, aber ohne Probleme. Wir sinnieren über „Gott
und die Welt“ und machen uns Gedanken darüber wie es wohl aussieht,
wenn ein Bär mit Salto und „Arschbombe“ vom hohen Uferrand
herab voller Vergnügen ins Wasser pflatscht! Das muss ihm gehörig
viel Spaß machen!
Und
plötzlich ist er tatsächlich da! Chri sieht ihn als ersten: Ein Schwarzbär,
der mutterseelenruhig am Ufer gemächlich Zweige und Blätter frisst
und sich durch uns davon überhaupt nicht abhalten lässt. Wir scheinen
ihm ziemlich schnuppe zu sein. Wir gehören halt - noch nicht - in die Nahrungskette
eines Schwarzbären! Bei der Weiterfahrt erinnern wir uns an den Abend im
letzten Camp und die vielen Moskitos, die es vor allem auf Flo abgesehen hatten.
Er benötigte gleich 2 Lagen unseres Muskol, ein kanadisches Mittel gegen
Moskitos, das ausgezeichnet wirkt. Chri meint, dass sie alle zu ihm gekommen
seien, das läge an seiner dunklen Kleidung, weil sie unsere helle wohl
nicht so gemocht haben. Ba meint, das käme davon, weil er so nervös
auf sie reagiere und sie dadurch erst recht anlocke, während wir sie einfach
still erdulden würden. Flo erwidert darauf, das sei wie mit der Henne und
dem Ei – was war wohl zuerst da? Er wäre erst so nervös bzw.
genervt seid alle „Mossis“ zu ihm kämen und nicht umgekehrt.
Nun ja, sobald wir „im Fluss“ sind – im wahrsten Sinne
des Wortes – erledigt sich das Problem von selbst – da kommen sie
nicht hin.
Lunchtime
nach 2 Std. auf einer kleinen Sandinsel – heute gibt es für Ba die
von ihr lang ersehnten Fischdosen. Flo macht sich etwas Sorgen, ob wir noch
genug Brot haben, aber ein Blick in eine unserer vier Lebensmitteltonnen zeigt
uns: Es reicht dicke. Ba verkündet daraufhin laut sinnierend, dass es heute
Abend Spaghetti mit Tomatensauce gäbe und morgen Ravioli, woraufhin Chri
trocken meint: „Aha, die besten Sachen kriegen wir zum Schluss!“
Die Landschaft „weitet“ sich immer mehr – trotz eines relativ
gut aussehenden Cabins kurz vor der Einmündung des MacMillan Rivers –
immer noch menschenleer. Auf einer etwas größeren, grasbewachsenen
Sandinsel finden wir erneut einen schönen Platz. Aus östlicher Richtung
drohen dunkle Wolken und es donnert leicht. Also: Zuerst Zelte aufbauen, das
Tarp für unseren Koch- und Essplatz aufstellen – und dann ein herrliches
Bad im Pelly. Wir 3 Jungs springen und tollen herum wie junge Delphine und mir
geht dabei mein „Ehering“ aus Freiburg verloren, den wir dort in
einem „First Nations Shop“ gekauft haben.
Plötzlich frischt der Wind stark auf und eine Bö fährt unter
das Tarp – reißt es um, mitsamt unserem Esstisch. Es fängt
an zu tröpfeln und wir bauen es – diesmal in die entgegengesetzte
Richtung mit noch mehr Seilen und Heringen gesichert – wieder auf –
es hält perfekt! Nur einmal kurz halten wir es aus Sicherheitsgründen
an den aufgestellten Paddeln fest, als erneut eine starke Bö kommt, aber
es geht schnell vorüber.
Das Essen genießen wir bei Regen unter dem Tarp auf dem Boden und kleinen
Tonnen sitzend – bei Bier, Eistee und Wein. Chri angelt und ein wohl großer
Fisch hat ihm den Haken abgebissen! Der Regen hört schon bald wieder auf
und es klart schnell auf. Flo und ich rauchen eine Zigarre gemeinsam - wie zwei
Älteste sitzen wir da, stolz und die ganze Welt „umarmend“.
Wir bestaunen die knapp über dem Boden dahinfliegende unzählbar große
Schar von Schwalben, die alle auf „Mossi-Jagd“ um uns herum sind
– nur wenig über unseren Köpfen. Als ich am Ufer Abwaschwasser
schöpfe, entdecke ich dort im Wasser einen silbernen Ring, der in der Sonne
glitzert – meinen Ehering! Ich schwöre, ich habe ihn bei meinen Delphinsprüngen
an einer anderen Stelle zuvor verloren – der Pelly wollte ihn wohl nicht
behalten – oder der Yukon – oder beide und sie gaben ihn mir zurück.
Es ist ein richtiges Wunder, dass ich ihn dort entdecke und wir machen uns Gedanken
über Energien und Ereignisse, die wohl nicht mit dem rationalen Verstand
fassbar sind. Unbeeindruckt davon denken Flo und Chri kurze Zeit danach darüber
nach wie es wohl wäre, Testfahrer zu sein und die Unterhaltung geht über
in das Thema um PS-starke Autos.
Unser Schmerzbalsam mit Kampfer und anderen Inhalten wirkt bei Ba und Chri
seit Tagen wahre Wunder, jedenfalls sind beide völlig schmerzfrei, wie
wir alle wohl einen Gesundungsprozess an Leib und Seele hier erfahren wie er
nur in einer solchen Wildnis möglich ist. Die Energie, die besondere Energie
des Yukon zieht uns unweigerlich in ihren Bann – es ist mit Worten nicht
zu beschreiben. Flo meint, ein Outdoor-Training bei VW sei ein Klacks gegen
das, was wir hier erleben und wir alle 4 genießen einfach miteinander
– uns, die Landschaft, die Stille und die vielen Tiere, die uns mit Sicherheit
alle sehen. Die Wildnis bereichert uns und uns fallen die Worte von Louise Profeit
Le Blanc von den „Northern Tutchone“-First Nations wieder ein:
„The Yukon is like a Grizzly Bear – he roughed me up and made me
tougher – my best friend, the Yukon!“ Ja so ist es!
Gegen 21.30 h gehen wir zu Bett – es ist völlig windstill, die Wolken
haben sich fast verzogen und lassen den blauen Himmel durchscheinen, ein
paar Vögel zwitschern noch und zum Schluss sinnieren wir darüber,
welche Farbe für unsere „Ausscheidungen“ wohl die „normale“
sei...
Zum Fluss selber: Wir sind etwa bei Km 114 – bis Pelly Crossing sind es
nur noch 56 km – eine Leichtigkeit für 1 ½ Tage. Wir studieren
die Flusskarte: Morgen wartet der spannendste Teil des Pelly auf uns: Der Granite
Canyon!
7. Tag:
Es ist 21.15 h, Ba und ich sitzen vor unserem aufgespannten Tarp und genießen
die langsam sinkende Sonne mit dem letzten Becher Wein. Die Jungs sind bereits
in ihrem Zelt. Alle Vorräte gehen langsam zur Neige, aber haben gut gereicht.
Aber der Reihe nach:
Heute Nacht war alles ruhig, ich habe blendend geschlafen und um 8 h sind wir
aufgestanden. Gegen 10.30 h reisefertig, in den Booten haben wir heute alles
besonders sorgfältig festgezurrt und bei der Flussfahrt herrscht eine angespannte
Stille. Wir wissen alle, dass vermutlich der schwierigste, aber vermutlich auch
der spannendste und am meisten Spaß machende Flussteil vor uns liegt.
Etwas beunruhigt bin ich schon - andererseits, wenn wir jetzt ein Boot verlieren,
dann sind wir ja nicht mehr weit von Pelly Crossing, aber darauf anlegen wollen
wir es natürlich nicht. So sind wir sehr präsent und achtsam. Wir
alle haben die Flusskarte und die Route durch den Canyon studiert und auswendig
im Kopf. Da mittleres Hochwasser ist, können wir vermutlich ziemlich in
der Mitte durch bis auf ein paar wenige Teile. Dort sind die Wellen zwar auch
am höchsten, aber die Gefahren auf einen Felsen zu knallen am geringsten
– und vor allem mehr fun! Wir wissen, dass wir besonders auf die großen
Felsen achten müssen.
Zuerst aber erwarten uns lange, ereignislose Flussstücke – geradeaus
bei heftigstem Gegenwind, so als wolle uns der Fluss vorher prüfen, ob
wir da nun wirklich auch hindurchwollen und uns das gut überlegt haben.
Das Paddeln ist verdammt anstrengend und der Wind treibt sein Spiel mit uns,
indem er ständig versucht, die Boote aus der Strömung zu drücken.
Wenn wir uns einfach treiben lassen – um eine Pause zu machen –
dreht es die Boote regelmäßig herum, mit dem hinteren, schwereren
Teil in Fahrtrichtung – und so fahren wir lange einfach rückwärts
– eine ganz neue Perspektive! Ab und zu müssen wir korrigieren, wenn
wir uns Flachwasserzonen nähern, wo dann häufig auch im Wasser liegende
Baumstämme drohen.
Nach
etwa 1 ½ Std. kündigt sich der Canyon an, die Uferböschung
steigt an, wird steinig und felsig, der Fluss verengt sich, die Strömung
wird schneller – hier gibt es keine Möglichkeit mehr auszusteigen
– da müssen wir jetzt einfach durch! Und schon sind wir zwischen
den hohen Felswänden. Jetzt heißt es hochkonzentriert fahren und
unser Training bewährt sich bestens. Beide Bootsinsassen müssen jetzt
lenken, damit wir das Boot beherrschen und nicht umgekehrt. Auch müssen
wir schnell reagieren, um riesigen Felsen auszuweichen, die knapp unter der
Wasseroberfläche ein unüberwindliches Hindernis darstellen oder zumindest
eines, das uns und unseren Booten vermutlich nicht gut bekommen würde.
Ingrid meinte vor Beginn: „Ihr müsst schneller als die Strömung
sein, damit ihr euer Boot lenken könnt und es so halten könnt, dass
ihr immer genau direkt auf die Wellen zufahrt. Wenn ihr es schafft, dass die
Wellen von vorne und nicht von der Seite kommen, dann kommt ihr sicher gut durch,
egal wie hoch die Wellen sind.“
Wir fahren etwas links von der Flussmitte – so umgehen wir die ersten
dicken Felsbrocken, die wir bereits von weitem „lesen“ können
und die raffinierter Weise knapp unter der Wasseroberfläche liegen (bei
weniger Wasser könnten wir sie leichter sehen, weil sie dann herausragen
würden – so war es zumindest 2002). Diejenigen, die heraus schauen,
können wir gut umfahren und wir gewinnen zunehmend Vertrauen in unsere
eigenen Fähigkeiten, als wir erkennen, wie gut die Boote auf unsere Manöver
reagieren. Wir paddeln mit aller Kraft und sind schneller als die Strömung.
Doch die Wellen sind für unsere Verhältnisse ziemlich hoch –
etwa einen ½ Meter und die Vorderleute werden ziemlich nass. Wir halten
unsere Boote gerade und gehen die Wellen direkt an – so wird es ein herrlicher
„Ritt“ mit etlichen Jauchzern und Juchhe-Gebrüll. Vor allem
Ba, im Boot hinter uns, jubelt am lautesten. Ab und zu kommen wir leicht ins
Schwanken, wenn der Wind uns wieder in die verkehrte Richtung drückt, aber
wir schaffen es jedes Mal leicht, das Boot zu korrigieren. Ba + Chri, etwa 100
Meter hinter uns haben ebenfalls keine Probleme und Chri beweist sich als souveräner
Steuermann. Im mittleren Teil des Canyons wird das Wasser etwas ruhiger und
wir wechseln auf die andere Seite des Flusses. Plötzlich brüllt Chri
von hinten: „Mein Paddel ist gebrochen!“ Sofort nutzen wir die Gelegenheit
des etwas ruhigeren aber immer noch schnell fließenden Flusses und halten
am schlammigen Ufer an. Als wir aussteigen, versinken wir gleich bis zu den
Knöcheln im Schlamm – macht nichts – eine Pinkelpause tut uns
gut und Chri holt sich sein Ersatzpaddel aus dem Boot heraus. Sein altes hat
tatsächlich einen Riss und es ist viel zu riskant, damit weiter zu fahren,
zumal der 2. Teil des Canyons ja noch kommt.
Weiter geht es – jetzt leicht rechts von der Mitte, erneut „white
water“, stehende Wellen und nach der nächsten Rechtskurze taucht
in der Ferne direkt vor uns die mächtige Felsnadel „Needle Rock“,
direkt in der Flussmitte, vor uns auf. Chri und Flo haben sogar noch Zeit zu
fotografieren, während um uns her die Wellen „toben“ –
sie sind ziemlich cool drauf und genießen die Fahrt mit den Höhen
und Tiefen der Wellen. Wir umfahren „Needle Rock“ auf der rechten
Seite und reiten die Wellen mit Hochgenuss!
Am Ende des Canyons machen wir am linken Ufer, an der Einmündung des Needle
Rock Creek, Halt und Lunchpause. Dort habe ich vor 5 Jahren meinen „Big
One“ gefangen, aber der Uferbereich sieht total verändert aus. Am
Needle Rock Creek können wir uns frisches Wasser aus dem kleinen schnell
fließenden Bach holen – hier besteht keine Gefahr auf irgendwelche
Keime, da der Bach viel zu schnell fließt. Nach ca. ½ Std. geht
es weiter. Ba + Chri übersehen dabei einen Stein im Uferbereich: Flo und
ich hören es hinter uns plötzlich ratschen, das typische Geräusch,
das uns wohlbekannt ist, wenn ein Boot auf einen Stein rutscht, wir drehen uns
um und sehen wie Ba mit dem vorderen Teil des Bootes im Fluss hängt und
Chri mit dem hinteren Teil oben auf dem Felsen hockt! Ein leichtes Hin- und
Herruckeln mit seinem Hintern sorgt dann dafür, dass sie seitlich vom Felsen
rutschen – ein Bild für Götter! Nichts passiert, obwohl das
Kanu bei falschen Bewegungen auch hätte kentern können. Aber wir waren
ja noch in Ufernähe.
Natürlich hatten wir im Canyon Wasser im Boot, aber das gehört dazu,
ebenso die Nässe unserer Vorderleute. Gut, dass das Wetter schön ist.
Auf der weiteren Fahrt tauchen die ersten Cabins auf, Geräusche der menschlichen
Zivilisation dringen an unsere Ohren – ein Generator ist zu hören,
aber noch sehen wir niemanden.
Uns allen kommt es so vor, als ob der Canyon uns wieder aus einer „Anderswelt“
ausgespuckt hätte, in der uns das „Heilige“ gesundet und wir
uns jetzt wieder der Zivilisation in der realen Welt mit alle ihren Gefahren
nähern.
An unserem letzten Camp auf einer Sandbank, etwa 17 oder 18 km vor Pelly Crossing
überlegen wir plötzlich, wo wir unsere Wertsachen in der Nacht lassen,
ob wir die Rucksäcke einfach so liegen lassen können, unsere Paddel
zum Zelt legen usw. Die Ängste, es könnte uns jemand die Dinge klauen
– plötzlich sind sie da. Vorher war das alles völlig anders
– in der „Anderswelt“ klaut keiner Paddel und sogar mein Ehering
geht nicht verloren. Die Zivilisation ist es vor der wir uns mehr fürchten
als vor der Wildnis, in der selbst ein Bär auf respektvollem Abstand bleibt
– nur die „Mossis“, die haben keinerlei Berührungsängste
gezeigt. Aber bei Wind sind sie nicht da.
Unsere Flussreise geht morgen zu Ende – gegen 14 h sollen wir in Pelly
Crossing sein wo wir von Wolf Adventure Tours abgeholt werden. Das schaffen
wir leicht!
Wir alle sind etwas wehmütig – die Reise hätte noch viel länger
gehen können!
Sie war mit unseren beiden Söhnen ein wunderbares Geschenk für Ba
und mich – ein großartiger Genuss - und still sind wir
voller Stolz und Dankbarkeit für das gemeinsame Erlebenis. Wir alle 4 waren
wie ein größeres „System". Ich danke euch allen von ganzem
Herzen für dieses wundervolle Erlebnis - danke euch Tieren am Pelly, die
ihr uns begleitet habt, auf die eine und andere Weise. Und du, du großartiger
Fluss, der du uns behütet und wohlbehalten transportiert hast - ich bin
einfach sehr glücklich.
8. Tag:
Leichtes
„choppy water“ unterwegs, das inzwischen von uns herbeigesehnt wird,
damit es mehr fun macht – und schon tauchen die Häuser von Pelly
Crossing auf. Nach der nächsten Linkskurze sehen wir voraus die Brücke
des Klondike Highway, die hier den Pelly überquert und gleich nach der
Brücke links ist unser Ausstieg. Wir sind gegen 12 h da, steigen aus, bringen
das Gepäck in einen Unterstand des Campingplatzes, essen und trinken von
unseren Vorräten – und warten. Kurz nach 14 h kommt das Auto und
es steigen 2 junge Frauen aus. Florian begrüsst Doreen mit lautem Hallo
und beide schließen sich glücklich vereint in die Arme...
Wir sind verliebt, verliebt in die Wildnis des Yukon, die uns jedes Mal das
Gefühl vermittelt, endlich heimzukehren, zurück zu unserer wahren
Natur; verliebt in uns und unsere Gefährten, wer immer sie auch waren oder
sind, menschliche wie nicht-menschliche...
Gunter Hamburger
Mai 2007
Wir bieten im Sommer 2007 keine Visionssuche-Gruppen oder andere Seminare an,
weil wir auf dem Pelly River im Yukon, Kanada zu einer "privaten" Visionssuche
sowie im Urwald von British Columbia unterwegs sein werden. Für 2008 planen
wir allerdings Visionssuchegruppen in Norwegen und in den Schweizer Alpen.
> Ausblilck: Im Juni 2008 plant Joanna Macy zu einem Seminar
nach Deutschland zu kommen. Für mehr Infos dazu bitten wir um eine kurze
Mailanfrage. Danke
> Das Manuskript für ein Buch über unser Sabbatjahr 2001/2002
ist fertig gestellt. Derzeit verhandeln wir mit einem Verlag über eine
Veröffentlichung, wobei die Lektorenkonferenz die Veröffentlichung
bereits bejaht hat. Der Titel des Buches lautet:
"Ein Stern sei mein Wagenlenker" Untertitel: - Eine Weltreise
auf der Suche nach Samen für die Zukunft - (Barbara und Gunter Hamburger)
- Hier ein Kurzexposé:
14 Tage nach dem 11. September 2001 begann unsere 11-monatige „Weltreise“
nach Australien, Fiji, Hawaii, Kanada, USA. Wir haben über unsere gute
Freundin und Kollegin Joanna Macy (Tiefenökologie) Adressen von mehreren
Personen und Initiativen bekommen, die im sozialen, ökologischen, politischen
Bereich aktiv sind. Diejenigen, die uns eingeladen haben, haben wir besucht,
mit ihnen gelebt, gearbeitet und sie interviewt. Themen der Interviews waren
durchgängig:
- Wurzeln ihres politisch-sozial-ökologischen Engagements und ihre
aktuellen Aktivitäten
- der Terrorangriff auf die Twin Towers (Konsequenzen, Befürchtungen…)
- Situation der Ureinwohner in den besuchten Ländern
- Vorstellungen, Wünsche, Träume über das Leben zukünftiger
Generationen.
Dementsprechend trägt unser Buch den Untertitel „... auf der Suche
nach Samen für die Zukunft“.
Wir hatten Kontakt zu Ureinwohnern vor allem in Australien, Hawaii und Kanada,
haben ihnen zugehört und von ihnen aktuelles Material über ihre Situation
erhalten, das wir zum Teil eingearbeitet haben. Dabei zitieren wir auch aus
Büchern, die bisher nicht in deutsch erschienen sind, z.B. über die
Situation auf Hawaii, auf dem Bikini-Atoll, die Ureinwohner im Yukon oder über
die Hopi.
In den 15 Interviews und zusätzlichen Gesprächen, die wir in den verschiedenen
Ländern mit engagierten Menschen aus dem sozial-ökologischen und politischen
Spektrum und mehreren UreinwohnerInnen der jeweiligen Regionen führten,
spiegelt sich das Ereignis des 11. September wieder. So ist unser Buch ein aktuelles
Zeitdokument in einer Phase, in der die Welt sich im Wandel befindet. Bei unserer
Frage an die interviewten Personen, wie dieses Ereignis unser Leben und das
Leben zukünftiger Generationen beeinflussen wird, sind wir auf ermutigende
Gedanken gestoßen, die sich in sehr persönlichen und berührenden
Worten ausdrücken.
Wir haben diese Inhalte in Kontext gesetzt zu unseren Reiseerlebnissen und der
von uns verarbeiteten Sekundärliteratur. Herausgekommen ist ein umfangreiches
Plädoyer für das Leben, eine „Liebeserklärung“ an
die so genannte Wildnis - mehr als die Beschreibung einer Weltreise - es ist
vor allem ein zutiefst persönliches und politisches Dokument unserer Zeit.
Bilder der Orte und Menschen, denen wir begegneten, lassen die „Geschichten“
noch lebendiger werden.
Folgende Personen haben wir interviewt und teilweise mehrere Wochen mit ihnen
gelebt und gearbeitet:
- John Seed, Direktor des „Rainforest Information Center“
in Lismore, Australien, Regenwaldaktivist und Autor mehrerer Bücher, u.a.
mit Joanna Macy
- Uncle Steve, Dozent der Aboriginal People von den Torres Strait
Inseln an der Universität in Brisbane, Australien (Aboriginal Land Rights)
- Jo Vallentine, erste grüne Senatorin im Parlament von Canberra
(1984 – 1992) aus Perth, Australien, Aktivistin der australischen Friedens-
und Frauenbewegung, setzt sich ein für die Landrechte der Ureinwohner
- Louisa Leweni, Fijianerin von Waya
- Jim Albertini, kath. Theologe und Gründer von Malu’Aina
– Center for Nonviolent Education and Action – auf Big Island, Hawaii
- Koshon, Ureinwohner aus dem Yukon von den „Tahltan First
Nations“ und ein berühmter Künstler (Schnitzereien)
- Louise Profeit Le Blanc, Ureinwohnerin aus dem Yukon von den „Nacho
Ny’ak Dun First Nations“, Dozentin am Yukon College für ihr
Volk, Koordinatorin für die Kunst der Ureineinwohner im Kulturministerium
Kanadas, Gründerin des Storytelling-Festivals in Whitehorse, Yukon
- Ph.D. Joanna R. Macy, Berkeley, USA – bekannt durch ihre
Bücher zum Thema „Tiefenökologie“ und ihre weltweiten
Seminare und Vorträge (ihr letztes Buch erschien im Junfermann Verlag unter
dem Titel „Die Reise ins lebendige Leben“), Dozentin an den Universitäten
in Berkeley und San Francisco
- Matthew Fox, ehemaliger Dominikaner-Mönch, vom Papst exkommuniziert,
Gründer der „University for Creation Spirituality“ in Oakland,
USA
- Ph. D. Ralph Metzner, Dipl.-Psychologe, forschte gemeinsam mit
Timothy Leary und Richard Alpert (Ram Dass) in den 60er Jahren an der Harvard
University zum therapeutischen Einsatz von LSD, Autor mehrere Bücher u.a.
„Das mystische Grün“, aber auch zum Tabuthema der germanischen
Mythologie, USA
- Mutombo Mpanya aus dem Kongo, fungierte u.a. als Berater in Umwelt-
und Wirtschaftsfragen für die Weltbank und lehrt heute an der Universität
in San Francisco, USA
- Ph. D. Marshall Rosenberg, Dipl.-Psych., Begründer der „Gewaltfreien
Kommunikation“ (non violenct communication), macht Seminare überall
in der Welt, lebt in USA und Schweiz, Autor mehrerer Bücher
- Steven Foster, Gründer der „School of Lost Borders“
- er adaptierte für die westliche Kultur eine Form von „Visionssuchen“
aus der Kultur der Ureinwohner Nordamerikas, Autor mehrerer Bücher und
Visionssucheleiter
- Meredith Little, seine Frau und Mitbegründerin. Mit Scott
Eberle (Arzt für AIDS-Kranke in S.F. und Sterbebegleiter von Steven Foster
bis zu seinem Tod) - angeregt durch die Hospizarbeit von uns in Deutschland
- verbinden sie heute die Themen Hospizbegleitung und Visionssuche
- Ken Rabnett, lebt im Urwald von British Columbia auf einer „Wildnisfarm“
mit seiner Frau – „close to earth“ - und engagiert sich für
die Landrechte der „Gitxsan First Nations“.
Anfragen für Buchbestellungen bitte per Mail. Danke!
2006
Unsere Arbeit mit 2 Gruppen zum Thema "Riten des Übergangs" (Visionssuche-Seminare)
im Sommer, die lustvoll, energiegeladen und mit großer Achtsamkeit und
Lebendigkeit beendet wurden, begleitet und unterstützt von den "spirits
of nature" mit all ihren Herausforderungen, haben uns ermutigt, auf diesem Weg
weiter zu gehen.
Auch in 2006 wird es Seminare zum Thema "Riten des Übergangs" geben
(siehe "Angebote/Riten des Übergangs / Visionssuche"). Ein zusätzliches
Seminar im Herbst 2006 in der Wüste Sinai ist geplant. Ob es zustande
kommen wird, hängt zum einen von der politischen Situation ab, zum anderen
davon, ob unsere Beduinenführer zur Verfügung stehen werden.
Hier einige Bilder unserer Seminare vom Sommer 2005:
August
2005 - kaum zu glauben - nur wenige 100 m über uns hat es heute Nacht geschneit,
aber die Luft ist frisch und klar und wir sind bereit unsere Lebensübergänge
zu würdigen und zu feiern... Das Bild des Wildstrubels von unserem "Basislager"
aus, werden wir noch lange in Erinnerung behalten - sie sind mächtig, die
heiligen Berge...
Manchmal
gibt es "Ganzkörperwaschungen" - auch wenn es geregnet hat. Und wer schlank
genug ist, kann sogar wählen - den Swimming Pool mit "Rettungsreif" oder
die blaue Badewanne... Jedenfalls nur etwas für "Hartgesottene" wie
Visionssuchende - unser Badezimmer...
Die
"Solo-Zeit" steht unmittelbar bevor, die Rucksäcke sind gepackt und mit
dem Allernötigsten versehen, bevor es über die "Schwelle" in die "Anders-Welt"
geht, in der wir unsere wahre Natur, unsere tiefe Verbundenheit und gegenseitige
Abhängigkeit mit allem Lebendigen, entdecken können... Wir sind
bereit...
So
oder ähnlich sieht es aus, wenn wir da draußen "eingerichtet"
sind, mit einem Tarp/Plane geschützt vor Wind und Regen... Es gibt nicht
wirklich schlechtes Wetter, nur die Ausrüstung kann ungenügend sein...
so jedenfalls halten wir es tage- und nächtelang aus und bleiben warm und
trocken...
Unser
"Basislager" in 1.600 m Höhe. "Dienstbare Geister" sind die Hüter
des Feuers, das die Zurückkehrenden aus den "anderen Welten" wärmt
und Leib und Seele mit köstlichen Speisen nähren...
...und
so sehen die Ausrüstungsgegenstände nach getaner "Arbeit" auch manchmal
aus... Das Leben in der "Anders-Welt" kann recht ungemütlich sein... der
Herausforderungen gibt es jedenfalls ungeahnte...
Unsere
"Elementewand" - Jeder Tag ist einem anderen Schild "gewidmet" und jedes Mal
gibt es eine Geschichte zu erzählen, ob aus der Sicht als Kind, als Jugendliche/r,
als Erwachsene/r oder als Älteste/r, die gespiegelt wird...
Die
frohe Botschaft von unserer Rückkehr - gesund und gestärkt für
die kommenden Aufgaben in "unserer Welt" - wird über die Schweizer Berge
in die Welt hinaus geblasen... wir kommen wieder und kehren dorthin zurück,
wo die Mühen der Ebenen auf uns warten...
Oktober 2005
Barbara, Birgit Anna und Gunter
Januar 2005
Die amerikanische Bush-Politik und seiner Junta wird weiter einen friedlichen
und kooperativen Prozess bedrohen oder gar unmöglich machen. Systeme, durch
Menschen geschaffen, die Gier, Hass und Profitsucht erzeugen, können auch
durch Menschen wieder abgeschafft werden. Daran gilt es weiter zu arbeiten.
Unterstützt werden diese Systeme durch eine zunehmende kapitalistische
Globalisierung, die zum Beispiel zu Firmenschließungen in Deutschland
führen, obwohl diese Firmen "schwarze Zahlen" schreiben - die Rendite ist
den Besitzenden zu gering! Hartz IV führt zu größerer Armut
in unserem Land - ausführliche Dokumentationen dazu gibt es genug.
Auf der anderen Seite wächst der Reichtum der Reichen. Das Schmelzen der
Gletscher nimmt überall weiter zu, der Klimawandel, das Auftauen von Permafrostböden,
einhergehend mit neuen ökonomischen Abhängigkeiten und drohenden Kriegen
- das alles können wir beobachten, ebenso wie die Zunahme von HIV-Kranken
und den deutlichen Zeichen, dass künftige Auseinandersetzungen nicht nur
um Öl, sondern vor allem auch um trinkbares Wasser geführt werden.
Unser konsum- und industrieorientiertes System - wie lange wird es noch aufrecht
zu erhalten sein?
So viel "Negatives" am Beginn eines neuen Jahres? Für mich sind es Fakten,
die zu negieren, selbstmörderisch wirken. Aber es gibt auch anderes zu
berichten, das Mut macht und uns stärken kann in unserer Arbeit für
ein langfristig lebenserhaltendes System sich zu engagieren. Unsere amerikanische
Freundin Joanna Macy wird im Januar/Februar 2005 ein 30-tägiges Seminar
in Südwestaustralien - von Vollmond zu Vollmond - leiten, das neben dem
"üblichen" Ablauf, Kontakte und Zusammenarbeit mit den Ureinwohnern dort
und den Aktivisten der "tree-sittings" in den letzten Urwäldern Südwestaustraliens
beinhaltet. Im Frühjahr/Frühsommer kommen - ebenfalls aus Amerika
- unsere Freunde Meredith Little und Scott Eberle, um im deutschsprachigen Raum
Seminare zum Thema "The Practice of Living and Dying" - Riten des Übergangs
- zu leiten. Wer dazu mehr wissen möchte, kann uns ansprechen. Wir planen
nun endgültig für 2005 den Beginn eines neuen holon-trainings, ein
Training in tiefer Ökologie. Im Sommer findet unser Seminar "Riten des
Übergangs" in Anlehnung an die Arbeit von Meredith und Scott in den Schweizer
Bergen statt. Im politischen Spektrum beobachten wir eine zunehmende "kritische
Masse", die sich nicht länger alles gefallen lässt. Am Bodensee ist
eine "Wasserkarawane" rund um den See geplant. Viele weitere Aktionen machen
Mut und helfen aufzuklären, das Bewusstsein zu schärfen und die Solidarität
zu stärken.
Unser "Buchprojekt" über unser Sabbatjahr 2001/2002 nimmt langsam konkrete Formen an. Wir entdecken dabei die "Bedeutung der Langsamkeit" für ein Zeitdokument, das wachsen will und nicht zum Ziel hat, möglichst schnell veröffentlicht zu werden. Wir haben 14 Interviews zusammengetragen mit Menschen, die sich in den besuchten Ländern im ökologischen, sozialen und politischen Bereich betätigen, AktivistInnen in ihrem Ländern. Diese möchten wir mit unseren eigenen Erfahrungen einer 11-monatigen Reise verknüpfen. Ein Thema zieht sich dabei wie ein "roter Faden" durch unsere Erlebnisse - die Auswirkkungen der Kolonisierung und die Unterdrückung und der Missbrauch von Ureinwohnern durch die Missionierung - bis heute. Das hatten wir zu Beginn unserer Reise so nicht vermutet. Wir sehen es allerdings auch nicht als einen Zufall an, dass ausgerechnet wir, immer wieder damit konfrontiert worden sind. Es ist für uns selbst wie eine Reflektion einer Reise, die nicht nur äußerlich stattgefunden hat.