Auf dieser Seite möchten wir auf unser Buch "Ein Stern sei mein Wagenlenker - Eine Weltreise auf der Suche nach Samen für die Zukunft" aufmerksam machen. Es ist erschienen im Verlang Monsenstein & Vannerdat, edition octopus,
ISBN: 978-3-86582-639-8
Unser Buch kann über den Buchhandel, das Internet oder direkt bei uns mit einer Widmung bestellt werden.

Zu unserem Buch:
Unsere Weltreise auf der Suche nach Samen für die Zukunft führte
uns nach Australien, die Fiji-Inseln, Hawaii, den Yukon im Norden Kanadas –
im Winter als auch im Sommer, Kalifornien, andere Staaten im Westen der USA
und British Columbia. Wir waren elf Monate unterwegs. Unsere Reise begann am
27. September 2001, 16 Tage nach dem Anschlag auf das World Trade Center in
New York. In den 15 Interviews und zusätzlichen Gesprächen, die wir
in den verschiedenen Ländern mit engagierten Menschen aus dem sozial-ökologisch-politischen
Spektrum und mehreren UreinwohnerInnen der jeweiligen Regionen führten,
spiegelt dieses Ereignis sich wieder und ist ein Zeitdokument in einer Phase,
in der die Welt sich im Wandel befindet. Bei unserer Frage an sie, wie dieses
Ereignis unser Leben und das Leben zukünftiger Generationen beeinflussen
wird, sind wir auf ermutigende Gedanken gestoßen, die sich in sehr persönlichen
und berührenden Worten ausdrücken. So ist dieses Buch mehr als die
Beschreibung einer Weltreise; es ist vor allem ein zutiefst persönliches
und politisches Dokument unserer Zeit. Wir laden die Leserinnen und Leser ein,
mit uns eine innere und äußere Reise um die Welt zu machen.
Mit folgenden Personen führten wir Gespräche bzw. Interviews,
in denen es um die Wurzeln ihrer Arbeit ging, darum wie die Ereignisse des 11.
September 2001 unser Leben beeinflussen werden und um ihre Hoffnungen, Visionen
und Wünsche vor allem für die zukünftigen Lebewesen:
John Seed, Australien, Direktor des Rainforest Information Center in
Lismore, New South Wales,
Uncle Steve, Aboriginal Elder einer Gemeinschaft von Torres Strait Islanders
- Inselgruppe zwischen Papua-Neuguinea und Australien, lehrt an der Universität
von Brisbane "Indigenous Knowledge" im Studienfach "Aboriginal and Torres Strait
Islander Studies"
Jo Vallentine, Politikerin und Friedensaktivistin aus Perth, Australien,
war 8 Jahre lang Senatorin im australischen Parlament, zuerst parteilos als
Friedensaktivistin, dann für die Grünen
Jim Albertini, Gründer des "Center for Nonviolent Action and Education"
auf Big Island, Hawaii, Friedensaktivist und Theologe, saß rund 20 Monate
in amerikanischen Gefängnissen für seine gewaltfreien Aktionen
Koshon, gehört zum Volk der Southern Tutchone First Nations im
Yukon, Kanada, Künstler und Sprecher für sein Volk
Louise Profeit Le Blanc, gehört zum Volk der Northern Tutchone
First Nations aus Majo im Yukon, Kanada, Gründerin des "International Storytelling
Festivals" in Whitehorse, Sprecherin ihres Volkes und Kulturstaatssekretärin
für First Nations bei der kanadischen Regierung in Ottawa
Joanna R. Macy, lebt in Berkeley in Kalifornien, lehrt Allgemeine Systemtheorie
und entwickelte eine Seminarform, die uns mit der lebendigen Erde wiederverbindet
unter dem Titel "The Work That Reconnects" als Anleitung zum konkreten politisschen
Handeln, Autorin zahlreicher Bücher
Matthew Fox, lebt in Oakland in Kalifornien, Theologe und Mitglied der
anglikanischen Kirche (nachdem er vom Papst exkommuniziert werden sollte), Gründer
der "University of Creation Spirituality", Autor zahlreicher Bücher
Mutombo Mpanya, lebt in Petaluma in Kalifornien und lehrt an der Universität
von Kalifornien in San Francisco afrikanische Kultur und Politik. Als Anhänger
von Lumumba musste er in den 60er Jahren des 20. Jhd. aus dem Kongo fliehen,
studierte in Brüssel und arbeitet für die UN und die Weltbank
Ralph Metzner, lebt in der Bay Area in Kalifornien, lehrt an der Universität
von Kalifornien in San Francisco als Dipl.-Psychologe, hat Forschungen zum Thema
"Bewusstseinswandel" und zum Thema "Germanistische Mythologie" betrieben
Marshall D. Rosenberg, lebt mal in Kalifornien, mal in der Schweiz,
Gründer der "Non Violent Communication", einer Sprache die uns wiederverbindet
mit unseren Gefühlen, Bedürfnissen und Wünschen. Arbeitet als
Psychologe mit Carl Rogers zusammen
Meredith Little, lebt in Big Pine in Kalifornien, Gründerin der
"School of Lost Borders" für Visionssuchen und Übergangsrituale in
der Wildnis
Steven Foster, lebte in Big Pine in Kalifornien, Gründer der "School
of Lost Borders" für Visionssuchen und Übergangsrituale in der Wildnis,
studierte Literaturwissenschaft und starb 2004
Ramon, Park Ranger im "Timbishika Valley" (so nennt sein Volk der Shoshone
First Americans das Death Valley in Kalifornien)
Ken Rabnett, lebt auf einer Farm inmitten des kanadischen Urwaldes bei New Hazelton in British Columbia, Kanada. Zusammen mit seiner Partnerin Nabby Patch arbeitet er im Auftrag für die Gitxsan First Nations und erforscht und "entdeckt" alte "Jagdreviere und Jagdpfade" der First Nations zum Erhalt der kanadischen Urwälder, da diese alten Regionen nicht abgeholzt werden dürfen. Setzt sich ein für den Erhalt der Gewässer und Lachspopulation und engagiert sich für "ökologischen Tourismus"
Der Singende Berg (Australien, November 2001)
Männer in dunklen Anzügen –
mit endlosen Disputen
sitzen sie im Marmortempel,
im glänzenden Gebäude,
erbaut auf dem Berg.
Sie sind die Ältesten
des heutigen Stammes,
sie wissen nichts davon, dass vor Äonen
der Berg heilig war
und voll Magie.
Damals nannte man ihn den singenden Berg,
der Berg, der das Lied der Erde sang,
dort wo die Ley-Linien sich treffen,
und die Songlines sich kreuzen,
im Zentrum des Kreises, der alle Berge umschließt.
Das Lied der Erde war das Lied der Frauen.
Damals waren sie die Stammesältesten,
die um die Mysterien wussten,
die den Mond anriefen
und den Gesang der Erde nährten
Unbemerkt von den dunklen Anzügen,
die noch im Innern lärmen,
kehren die Frauen zurück,
in das Zentrum des Kreises
und fordern ein, was ihnen gehört.
Den Brunnen im glänzenden Gebäude umkreisend,
die Pyramide des aufragenden Doms umrundend,
kehren sie zu ihrem Heiligtum zurück
und das Singen wird erneut beginnen –
das Summen hat schon begonnen.
Mit dem Wechsel der Jahreszeiten
wird Musik vom „Singenden Berg“
die Stimmen der dunklen Anzüge übertönen,
deren Missbrauch laut beklagend.
Neue Stammesälteste,
die wiedergeborenen Töchter,
werden Gaia erwecken,
das Lärmen wird verstummen
und die Heilung der Erde beginnt.
Gaias weibliche Energie
wird den unendlichen Kosmos
mit dem Licht des inneren Wissens verbinden
und der Erde Ehrerbietung erweisen.
Und die Töchter einer anderen Traumzeit
werden das Geheimnis wieder entdecken
und die Harmonie wieder herstellen,
im Mittelpunkt des Kreises –
um den ‚Singenden Berg’.
Ho'oponopono und Restorative Justice -
die Antwort der Ureinwohner auf das "weiße" Modell einer strafenden Justiz (Hawaii)
Auf Malu’Aina hat uns Jim von seinem Engagement für den Ho’oponopono-Prozess
erzählt (siehe Interview mit Jim). Er selbst, wie auch Robert Aitken, ist
in einer Bürgerinitiative engagiert, die als Alternative zum Bau eines
geplanten Privatgefängnisses auf Big Island den Ho’oponopono-Prozess
entgegen setzen möchten. Während unserer Zeit auf Malu’Aina
war Jim deshalb zu einer Anhörung beim Gouverneur in Honolulu.
Und nun treffen wir hier auf unserer Rundreise auf einen jener alten Plätze,
an dem die Wurzeln für diese Wiederversöhnungsarbeit in der hawaiianischen
Kultur zu finden sind. Wir erinnern uns an die Diskussionen und das Literaturstudium
auf Malu’Aina:
Strafvollzug in Hawaii
Laut dem „Hawaii Island Journal“ vom 01. - 15. Februar 2002 wird
in der Nähe des Flughafens von Hilo der Neubau eines weiteren Gefängnisses
geplant. Da das „Community Correctional Center“ auf Oahu, ein Gefängnis
überwiegend für Drogenvergehen, überfüllt ist und die Häftlinge
auf das „Festland der USA“ verschifft werden, wird ein privater
Träger für eine „Rehabilitationseinrichtung“ mit cirka
1.000 Betten gesucht. Geplant waren ursprünglich 2.300 Betten, wogegen
die Ureinwohner protestiert hatten. Fast die Hälfte der Gefängnisinsassen
Hawaiis stammt aus ihren Reihen, obwohl sie ja in der Minderheit sind. Der Direktor
für Öffentliche Sicherheit und Ordnung, Ted Sakai, spricht sich in
dem Artikel für die Organisation Ho’opakele aus, die den Ho’oponopono-Prozess
der Ureinwohner zur Rehabilitation und Versöhnung wieder ins Leben ruft:
„Ich glaube, ihre Vorschläge sind sehr gut, und sie sind vor allem
dazu geeignet, einem Gefängnisaufenthalt vorzubeugen. Unsere Zielgruppen
sind zwar unterschiedlich, aber ich denke, es ist auf jeden Fall sinnvoll.“
In derselben Zeitung ist ein Artikel von Robert Aitken aus „The Turning
Wheel“, einer Zeitschrift für engagierten Buddhismus, abgedruckt,
den wir in Auszügen zitieren. Die Überschrift lautet:
„Ausgleichende Gerechtigkeit auf Polynesisch
Im Mai 1999 war Jim Consedine, ein katholischer Priester aus Neuseeland,
auf dem Weg zur Weltkonferenz der Gefängnisseelsorger in San Diego, USA.
Bei seinem Zwischenaufenthalt auf Hawaii pflanzte er wie zufällig wichtige
‚Samen’. Pater Consedine ist ein Befürworter des traditionellen
Modells der Maori, der ‚Restorative Justice’ (Ausgleichende Gerechtigkeit),
das in leicht abgeänderter Form im Jugendstrafvollzug in Neuseeland übernommen
worden ist und sich dort positiv auswirkt. Während seines kurzen Aufenthalts
arrangierte sein alter Freund Jim Albertini ein Treffen mit Kanaka Maoli, die
sich Sorgen wegen des Strafvollzugs machten. Die ‚Samen’ fielen
auf fruchtbaren Boden!
Die Maori Neuseelands und die Kanaka Maoli auf Hawaii verbindet die polynesische
Kultur. Die Kanaka Maoli erkannten im Modell der Maori ihren eigenen Ho’oponopono-Prozess
wieder, den hawaiianischen Weg der Versöhnung und Wiedergutmachung, der
trotz des westlichen Einflusses auf ihre Kultur noch immer lebendig geblieben
ist. So riefen sie ‚Ohana Ho’opakele’ - das Projekt
zur ‚Rettung’ wieder ins Leben.“
Robert Aitken hatte schon, wie viele im sozialen Bereich tätige Weiße,
davon gehört, denn der „Ort der Zuflucht“ bei Kona ist sehr
bekannt und eine Touristenattraktion. Als ein Training für diese Arbeit
von Ho’opakele angeboten wurde, nahm er teil. Den Prozess beschreibt Robert
Aitken folgendermaßen:
„Die Hawaiianer betrachten die Welt als Beziehungsgeflecht - ähnlich
dem Mahayana-Buddhismus. Eine Störung in einem Teil des Beziehungsnetzes
hat immer auch Auswirkungen auf alles andere, auf die Familie und die Gemeinschaft.
Um ‚die Dinge wieder ins Lot zu rücken’, werden ältere
Familienmitglieder oder Menschen, die hohen Respekt genießen, eingeladen,
damit der Prozess in Gang gesetzt wird. Wie alle wichtigen Ereignisse bei den
Kanaka Maoli werden die Sitzungen mit ‚pule’, einem Gebet, begonnen.
Alle anwesenden Kräfte werden eingeladen, manchmal auf hawaiianisch, manchmal
mit christlichen Worten. Im Gebet wird das generelle Problem detailliert beschrieben
und die beteiligten Menschen namentlich genannt. Es wird um Segen, Unterstützung
und Führung gebeten. Täter und Opfer sind zusammen mit ihren Familien
und engen Freunden anwesend. Der vorsitzende ‚Elder’ beschreibt
nochmals genau, worum es geht und alle werden ermutigt, ihren Widerstand und
ihre Ängste gegen den Ho’oponopono-Prozess loszulassen. Allen Beteiligten
werden die einzelnen Schritte des Prozesses genau erklärt. Der Elder schafft
ein Klima der Heilung. Im nächsten Schritt wird ‚hala’, die
Verletzung oder der Übergriff - zum Beispiel der Missbrauch eines Familienmitglieds
- beschrieben. ‚Hala’ wird durch negative Verstrickungen von Opfer
und Täter verursacht. Sie sind durch ‚hihia’, einer komplexen
und schwierigen Beziehung, miteinander verbunden. ‚Hihia’ ist ein
ganzes Knäuel von Schwierigkeiten. Jeder einzelne Aspekt des Problems wird
nacheinander besprochen, alle Beteiligten kommen zu Wort, niemand darf unterbrochen
werden, vor allem beim Ausdruck der Gefühle. Kochen die Emotionen zu hoch,
leitet der Elder eine Phase der ‚Abkühlung’ ein. Wenn alle
Seiten des Problems zur Zufriedenheit aller besprochen und gelöst wurden,
wenn das ‚Knäuel’ vollständig entwirrt ist, kommt der
nächste Schritt: ‚mihi’ genannt. Der Täter erkennt seine
Schuld an und bittet um Vergebung. An diesem Punkt des Prozesses ist das Opfer
zur Vergebung bereit. Danach wird die Wiedergutmachung verhandelt, das heißt
die Schritte und Handlungen, die der Täter ausführen muss, werden
festgelegt. Daran schließt sich ‚kala’ an, die gegenseitigen
negativen Verstrickungen werden gelöst, was weit über Schuldbekenntnis
und Vergebung hinausgeht. ‚Kala’ verlangt, dass alle Konflikte und
Verletzungen im Ozean ‚begraben’ werden. Zum Abschluss fasst der
Elder noch einmal den Prozess und das Ergebnis zusammen. Damit gilt das Problem
als abgeschlossen und darf nicht mehr erwähnt werden. Es folgt ein Dankgebet
und dann wird zusammen gegessen - das Leben ist wieder im Gleichgewicht...
Orte der Zuflucht könnten zukünftig Kirchen aller Konfessionen
sein, aber auch Kanuklubs, Hula-Studios und so weiter, die bereit sind, sich
um einen Täter zu kümmern, wenn er kein Gewaltverbrechen begangen
hat.“
Dieser Prozess entspricht der Tradition vieler Ureinwohner in allen Kulturen.
Im Westen wurde diese Arbeit unter dem Begriff „Restorative Justice“
zum ersten Mal 1974 wieder entdeckt, als zwei junge Ureinwohner in Kanada wegen
Vandalismus in 22 Fällen angeklagt waren und das Gericht verfügte,
Opfer und Täter in einem Versöhnungsprozess zusammen zu führen.
Bereits in den 1960er Jahren arbeitete ein hawaiianischer Sozialarbeiter mit
dieser Form der Versöhnung mit einem Jugendlichen im „Queen Liliu’okalani
Children’s Center in Hilo, ohne dass es im Westen bekannt wurde.
Jim hat uns erzählt:
„25 % aller Gefangenen weltweit sitzen in amerikanischen Gefängnissen.
Das sind rund 2 Millionen Menschen! Deshalb benötigen wir dringend Alternativen.“
Was ist Wildnis?
(Februar/März 2002 im Yukon, Kanada)
Es ist, als ob die Zeit stillstünde und uns hier in der Einsamkeit des
Yukon Gelegenheit gibt zu einem Zwischenfazit unserer Reise nach 6 Monaten.
Einige Male ist Barbara alleine auf Schneeschuhen unterwegs, weil Gunter zwischendurch
ziemliche Probleme mit seinem Ischiasnerv hat und er sich nicht viel bewegen
kann. Inspiriert durch das Alleinsein hier draußen, schweifen seine Gedanken
ab:
Exkurs aus Gunters Tagebuch:
Wenn ich an die Hetze und Unpersönlichkeit in meinem alltäglichen
Leben als Geschäftsführer eines Diakonischen Werkes denke, ist es
als tobe ein Sturm in mir und ich werde unruhig. Etliche der Menschen um mich
herum, „dopen“ sich mit Medikamenten, um ihre Leistung zu erhalten
oder noch zu steigern, andere nehmen nichts anderes mehr wahr als ihre Gier
nach Anerkennung und Macht und wieder andere haben aufgegeben, sind verloren
oder werden süchtig. Die „Verlorenen“ finde ich wieder in unseren
psychiatrischen Kliniken oder in unseren Gefängnissen, die „Gierigen“
sind die Wachstumsfanatiker mit ihrem unerschütterlichen Glauben an die
Vorzüge unserer globalen Wirtschaftsweise. Daneben gibt es die Einsamen,
die gefühllosen Leiber, die nur noch roboterhaft funktionieren oder jene,
die in ihrer Religion oder Sekte die „heile Welt“ suchen. Die Mächtigen
in der Politik und den Konzernen haben von allem etwas – und manchmal
ersticken sie daran. Was alle gemeinsam haben ist ihre völlige Entfremdung
von unserer natürlichen Mitwelt - abgebrochen, ein für allemal vorbei.
Ja ihre Entfremdung ist sogar so stark, dass sie sich vor der Stille und so
genannten Einsamkeit der Wildnis fürchten und die Natur als feindlich ansehen,
vor der man sich schützen muss! Welcher Irrsinn, welche Verdrehung der
Wirklichkeit.
Ist uns der Wahnsinn wirklich klar, der uns da treibt? Wir schützen
uns vor dem, woher wir kommen, wovon wir ein Teil sind, was unsere wahre Heimat
ist! Wir haben Angst vor der Stätte unserer Geburt, der Stätte der
„Geburt allen Lebens“ und vertrauen inzwischen der künstlich
synthetischen Welt, die eine entmenschlichte Zivilisation geschaffen hat, die
ohne Vitalität ist, ohne Lebenskraft. Wir liefern uns den krankhaften Zwängen
aus, anstatt in die Wildnis zu gehen und uns dort wieder einzuwohnen. Wie soll
ich jemals zurück in diese un-natürliche Welt?
Als Gunter Barbara diesen kurzen Text vorliest, diskutieren wir lange über
den Begriff „Wildnis“. Was ist „natürlich“? Was
ist „wild“? Wir nennen die „wilden Tiere“ wild, obwohl
sie in einer natürlichen Umgebung leben. Sind sie nicht eher „natürliche
Tiere“? Und unsere sogenannten Haustiere – leben sie nicht eher
in der Wildnis einer unnatürlichen Zivilisation? Oder die Tiere in Wildgehegen,
Zoos, im Zirkus und auf Pelzfarmen – eingesperrte Hühner in Käfigen?
Ist das nicht viel mehr Wildnis, verwilderte Zivilisation im Sinne von verroht,
entfremdet, unnatürlich und missbraucht? Was also ist wild? Die Begriffe
verschwimmen, verdrehen sich: Das Natürliche ist wild, die Wildnis ist
natürlich, aber das Wilde scheint gefährlich, also ist das Natürliche
gefährlich?
Das Künstliche erscheint uns Menschen unterdessen normal und sicher. Wo
bin ich sicherer, wenn ich alleine bin: Auf Schneeschuhen in der Einsamkeit
des Yukon, im Outback einer Wüste, inmitten des dichten Regenwalds oder
um Mitternacht in den Straßen einer unserer Großstädte? Manche
von uns schützen sich in ihren Häusern hinter hohen Mauern mit Überwachungskameras,
Eltern haben Angst, ihre Kinder allein in den Kindergarten oder die Schule zu
schicken – aber wir nennen es Zivilisation!
Ist nicht unsere vielgerühmte Zivilisation viel mehr die Wildnis –
verwildert im wahrsten Sinne des Wortes mit all ihrer Habgier und ihrer Profitsucht,
dem Glamour und den Lichterketten, die die Nacht zum Tag machen? Hier draußen
erleben wir die Dunkelheit und Stille als wohltuend, fühlen uns sicher,
obwohl wir wissen, dass das Sterben, das Fressen und Gefressen werden, hier
Teil des „natürlichen“ Lebens ist? Wovor fürchten wir
uns – vor der Vergänglichkeit, dem normalen Prozess von Werden und
Vergehen? Vor den wilden Tieren, obwohl wir nicht zu ihrem bevorzugten Nahrungsangebot
gehören? Was ist mit uns geschehen, dass sich alles umgekehrt hat?
Die Nächte in unserer Hütte sind lang, erholsam ruhig und die warme
Luft des Holzofens verbreitet einen angenehmen Duft – ganz im Gegensatz
zu dem Gebläse und der trockenen Luft in einem vollklimatisierten Zimmer
inmitten der „Wildnis Zivilisation“. Und ein neuer Leitspruch könnte
lauten:
Lieber wild und natürlich als zivilisiert und entfremdet!
Mehr und mehr spüren wir, wie die Lautlosigkeit beruhigend wirkt, als wäre
sie Balsam für unsere Seelen, die wirkliche Heilung bringt. Sie ist wie
ein großes sanftes Federbett, in das man sich hineinfallen lassen kann
- alles loslassend - Gedanken, Ideen, all die anderen Dinge, die sonst im Kopf
herumspuken – so als ob die Stille ein innerer Reinigungsprozess ist!
Am Abend lodert noch lange das Feuer im Ofen, knirscht ganz leise, der Feuerschein
spiegelt sich auf den Holzmöbeln und im Fenster wieder und wir liegen still
unter unserer warmen Decke aneinander gekuschelt, lauschen der Stille und verfolgen
den Schein des Feuers, bis wir einschlafen...
Der Bathroom - Reisebericht - eine Zwischenbilanz unserer Reise
(März 2002, Yukon, Kanada)
Inspiriert durch das spitzenvorhanggeschmückte Outhouse auf der „Wolf
Rigde“, zu dem wir nur über einen Trampelpfad in Stiefeln durch knietiefen
Pulverschnee gelangen, dick verpackt im Anorak, erinnert sich Barbara
schmunzelnd an die einzelnen „Örtchen“ auf unserer bisherigen
Reise und sie schreibt in ihrem Tagebuch:
In Australien, den USA und auch in Kanada wird das Wort Toilette oder Klo
peinlich vermieden beziehungsweise umschrieben als ‚Restroom’, ‚Washroom’,
‚Bathroom’, auch wenn da niemand gemütlich ausruht und vespert
oder gar in der Kloschüssel Waschungen tätigt, beziehungsweise gar
badet. Auf unserer Reise waren die ‚Bathrooms’ zum Teil ein wirkliches
Erlebnis:
Es begann schon einen Tag nach unserer Ankunft in Brisbane in Australien,
als wir mit Florian und Michael ‚Seafood’ in einem Thai-Restaurant
aßen. Auf meine Frage an der Theke: ‚Wo befindet sich der Restroom?’
bekam ich erst mal zwei große Schlüssel ausgehändigt und es
folgte eine ausführliche Wegbeschreibung – auf australisch natürlich.
Mittlerweile wusste so das ganze Restaurant, dass ich ein dringendes Bedürfnis
hatte. Mutig ging ich in den dunklen Hinterhof, an Kisten und Kasten, an Mülleimern
und Schweineeimern vorbei, bis ich an große Käfiggitter gelangte,
die ich aufschloss und dahinter - wie ein Löwe - einem Laufgang folgte,
die Türen abzählte bis zur Nummer drei, wo tatsächlich der zweite
Schlüssel passte und sich eine winzige Kammer öffnete, in der sich
eine Kloschüssel befand. Das Ganze dann wieder rückwärts.
Einige Tage später in einem kleinen Cafe spürte ich die Klima-
und Essensumstellung heftig und dringend in meinem Bauch. Auch hier wieder der
Schlüssel an der Theke, fast keine Wegbeschreibung: ‚Im Parkhaus
halt, um die Ecke...’. Bis ich das fand und mit dem verbogenen Schloss
zu Recht kam, war ich in argen Nöten.
In Lismore im Rainforest Information Center bei John Seed, gab es einen wirklichen
‚Bathroom’ mit einer Toilette für oft mehr als 10 Leute. Es
gab keine Tür, dafür einen schmalen Vorhang, und durch Klopfen an
den Türrahmen konnte man erfahren ob es besetzt war. So musste man jederzeit
darauf gefasst sein, dass ein ‚Forest Defender’ (ein ‚Regenwaldverteidiger’)
hereinstürmte – vor lauter Eifer und Drang das Klopfen vergessend
– um zu Duschen, Wäsche oder Schlafsack in der Badewanne mit Seifenflocken
zu waschen - diese wurden mit Hilfe der Gemüseraspel von einem Seifenstück
geraspelt - oder die Toilette zu benutzen.
Weiter ging es mit einem ‚Pott’ im Regenwald bei ‚unserem’
Shack. Ein Pott ist ein einfaches Prinzip, ein besserer Blecheimer ohne Boden,
der über ein Erdloch gestellt wird und auf den eine Klobrille mit Deckel
montiert ist. Unter diesem Klodeckel hauste ein haariges schwarz-weiß
gestreiftes Spinnenpaar von gut 10 Zentimeter Durchmesser, was sich bei Benutzung
durch uns diskret unter den Rand der Klobrille zurückzog. Es dürfte
die Leser nicht verwundern zu hören, dass wir sie nie sehr lange gestört
haben! Der ‚Pott’ stand inmitten eines Bananenhains und wurde, wenn
das Erdloch voll war, einfach um einen Meter verrückt.
In dem ‚Bathroom’ auf Fiji, angebaut an die Bure (unsere Hütte)
sahen die eidechsenähnlichen Lizzards beim ‚Geschäft’
zu und bei längeren ‚Sitzungen’ bekam man einen Sonnenbrand,
weil oben alles offen war und die Sonne ja von morgens bis abends steil am Himmel
steht. Manchmal gab es auch kein Spül- oder Duschwasser, so dass man gut
daran tat, erst Probe zu spülen.
Eine besondere Attraktion war auf Malu’Aina auf Hawaii die ‚Banco
Ambrosiano’ – genannt nach der päpstlichen Hausbank im Vatikan.
Das was da ‚deponiert’ wurde, war wirklich kostbar für das
Gedeihen und Aroma der Früchte an den Obstbäumen, denn sechs Fässer,
mit Steinen nach Alter markiert (das Älteste Fass hatte einen Stein, das
Jüngste die meisten und so weiter), standen in Reih und Glied im jungen
Lava-Regenwald und warteten auf ihre weitere Bestimmung. Der ‚Restroom’
selbst war ein normales Plumpsklo, umrahmt von Fliegengittern, so dass man auch
hier eine schöne Aussicht auf Orchideen, Guavenbäume, Palmen und Büsche
hatte, wenn man nicht gerade von einer Wolke Moskitos umschwärmt wurde,
die durch die Tür miteingeflogen waren. Ich möchte an dieser Stelle
daran erinnern, dass dieses Klo – die ‚Banco Ambrosiano’ einer
katholischen Nonne als Anlass diente, ihren Aufenthalt auf Malu’Aina vorzeitig
abzubrechen (siehe Bericht über Hawaii)!
Der ‚Bathroom’ auf Malu’Aina – gemeint ist die Dusche
– durfte mit 10 Zeitungsblättern erwärmt werden, denn echte
Friedensarbeiter sind mit jeglichen Ressourcen sparsam. Es gab keine Fliegengitter,
sondern lediglich zwei Plastikvorhänge als Sichtschutz. Über einem
Ablaufloch lag eine Autogummimatte – die ideale Kinderstube für unsere
Freunde, die Moskitos. Das Wasser tröpfelte langsam und so hatten sie immer
eine fette Beute oder täglich ‚Bloody Mary Drinks’.
In Ingrids Blumenladen in Whitehorse gibt es einen ‚integrierten Restroom’.
Es ist eine kleine Kammer, nur durch einen Vorhang vom Verkaufsladen abgetrennt,
und kann wegen der eventuellen Geräusche eigentlich nur benützt werden,
wenn keine Kunden im Laden waren. Eines Nachmittags halfen wir im Laden aus,
es war viel los. Ich bediente eine First Nations Frau, die in Trauer war und
für die bevorstehende Beerdigung einen Kranz bestellen wollte. Die Kränze
heißen dort ‚Funeral Pieces’. Sie sind mit grellbunten Plastik-
oder Stoffblumen beschmückt, umwickelt mit roten, weißen und lila
Plastikbändern, so dass sie selbst den eisigen Yukon-Winter überdauern.
Die im Laden ausgestellten ‚Funeral Pieces’ entsprachen nicht dem
Geschmack der Kundin, so dass Ingrid mich bat, ihr doch den weiteren Vorrat
zu zeigen, der die Wände des ‚Restrooms’ über und über
schmückte. So öffnete ich, mich vorher vergewissernd, dass der Raum
wirklich leer war, den Vorhang und stellte noch die Klobürste auf die Seite,
damit sie nicht darüber stolperte. Etwas irritiert blickte sie sich um
und verließ danach wortlos den Laden.
Ich möchte betonen, dass uns an keinem Ort auf unserer bisherigen Reise
das ‚Loslassen’ besonders schwer gefallen ist und wir uns stets
bester Verdauung erfreut haben!